Project Description

ENTDECKE

MARKGRÄFLICHE  BAROCKGÄRTEN

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Bayreuth – Hofgarten Eremitage

Der einstige Tierpark

1616 kaufte Markgraf Christian (1581/1603-1655), der 1603/1604 die Residenz von der Plassenburg in Kulmbach ins Alte Schloss nach Bayreuth verlegt hatte, ein Waldgehege von etwa 50 Hektar auf dem Hügel bei St. Johannis, der auf drei Seiten vom Roten Main umflossen wird. 1664 ließ Markgraf Christian Ernst (1644/1661-1712) das Terrain mit Holzplanken einfassen und dort einen Tiergarten anlegen, der ein Jahr später durch eine große Treibjagd mit Wild gefüllt wurde. In diesem großen Jagdgebiet entstanden 1666 bis 1669 als Annehmlichkeiten – auch für die höfischen Gäste – ein Lust-, ein Grotten- und ein Brunnenhaus, wovon jedoch keine Abbildungen mehr existieren.

Eine Eremitage für höfische Eremiten

Ab dem 16. Jahrhundert sind höfische Eremitagen oder Einsiedeleien üblich, teils Rückzugsorte fürs Gebet und Studium geistlicher Schriften, teils für weltliche Besinnung und seit der Renaissance auch als dekorative Staffage oder einfach Teil höfischer Gartenkunst.

1715 bis 1719 inszenierte Markgraf Georg Wilhelm (1678/1712-1726) hier seine Eremitage. Die ganze Anlage war auch Ableger seines „Ordre de la Sincérité“, des Ordens der Aufrichtigkeit, den er 1705 in Sankt Georgen gegründet hatte und der in den Roter-Adler-Orden umgewandelt wurde. Das Alte Schloss aus rohem unbehauenen Tuffstein mit dem Marmorsaal, je einem Flügel für das Markgrafenpaar und einfachen Kammern und Zellen für die kleine Hofgesellschaft sah wie ein von Linden umgebener Felsen aus und wurde Mittelpunkt seiner Einsiedelei. Im Park verstreut lagen 7 verschiedene Einsiedlerhütten, mit Kammern, Küche und Glockentürmchen ausgestattet und auf geschwungenen Waldwegen erreichbar – Kontrastprogramm zu den ebenso beliebten höfischen Festen. „Ich bin allein, wenn ich vergnügt sein will“ war das Motto des Fürsten.

Der Park hatte seine exoterische vergnügliche und erholsame, aber auch seine esoterische, eher spirituelle Seite. Davon zeugten damals ein als Spiralwirbel angelegter “Irrgarten“ (die Welt), aber auch der Tuffsteinfelsen des „Parnass“ (einst von Apoll, einem geflügelten Pegasus-Pferd und den 9 Musen gekrönt), zu dem man auf dem Weg des kunstvollen Spiels (Maille-Bahn-Allee) und der Erkenntnis geradeaus gelangen konnte. Dann aber führt der Initiations-Weg des Lebens im linken Winkel durch einen dichten Laubengang zur unterirdischen Wasserspielgrotte (mit Lichtkuppel darüber und Szenen aus Ovids Metamorphosen) und von dort über Stufen aufwärts in den „Klosterhof“ des Schlosses. Die Masken und Fratzen sowie die „Uneingeweihten“ (die vorher nassgespritzt wurden) bleiben draußen, hier soll die innere Natur durch Weisheitsrituale erkannt, gezähmt und verwandelt werden und vor dem Eintritt in den Festsaal verweisen zwei Portalskulpturen auf das Schweigen und das Buch.

Diese Parkanlage mit ihrem „Innen“ und „Außen“ hatte kaum Geometrie und Alleen, dafür Wasserkaskaden und Uferwege, Blicke in die Natur und in die weite ungestaltete Landschaft und nahm durch ihr Naturverständnis Elemente des englischen Landschaftsgartens vorweg, zwei Generationen, bevor er auf dem Kontinent modern wurde. Solche Avantgardeleistung erregte natürlich Aufsehen an den europäischen Höfen.

Eremitage im Schnee

Die Eremitage als Sommersitz und Refugium

Der Sondercharakter des Bayreuther Rokoko ist ohne die Eremitage, wie sie die Markgräfin Wilhelmine (1709-1758) gestaltete, nicht zu denken. 1732 schenkte ihr der Schwiegervater, Markgraf Georg Friedrich Karl (1688/1726-1735), das (von ihr so benannte) Monplaisier-Gebäude am Rande des Geländes zur Hochzeit. 1735 bekam sie von ihrem Gatten Markgraf Friedrich (1711/1735-1763) bei seinem Regierungsantritt die ganze Eremitage übereignet.

Ein ganzer Hofstaat von Künstlern, Architekten, Gärtnern begann hier mit der Umgestaltung nach Wilhelmines Pläne. Aus einem weitgehend verborgenen markgräflichen Rückzugsort mit seinen Geheimnissen wurde das offene Gleichnis einer vergänglichen Welt mit ihren Ruinen und Theaterspielen, ihrem Wechsel von gezähmter und ungezähmter Natur, von Einsamkeit und Geselligkeit, von symmetrischen und asymmetrischen Gartenbereichen, von zeitlich entfernten Bauzitaten und Skulpturen aus der Antike bis hin zu geografisch entfernten aus China und Japan.

1736 schon begann sie mit dem Ausbau und der Umgestaltung der beiden Seitenflügel des Alten Schlosses für den Markgrafen und für sie selber – mit intimen Räumen für Musik, Bibliothek, Malerei und Memoirenschreiben sowie repräsentativen mit Tugendallegorien, die sich hinter historischen Ereignissen in den Deckengemälden offenbaren. Chinesisches Spiegelkabinett, Japanisches Kabinett (mit zum Teil originalen, überaus kunstvollen Lacktafeln) und griechischer Orpheus im Deckenstuck (der Tiere und Götter mit seiner Musik zu befrieden weiß) charakterisierten ihren Weisheitshorizont. Weibliche Vorbilder oder Gefährtinnen und die Gegenwart großer Denker, Charakterhelden und Geister – als Skulptur, in Gemälden oder Büchern verkörpert – bildeten ihre geistige Familie. Ernst, aber auch Humor und Heiterkeit des Geistes spiegeln sich im gesamten Gartenprogramm. Sie liebte eben, wie sie in ihren Memoiren schreibt, „das Spekulative“.

Das Arkadien der Markgräfin Wilhelmine

Diese philosophisch-verspielte Weltsicht bestimmte auch die gesamte Gartenanlage. Der griechische Philosoph Sokrates – in Sandstein, versteht sich – fasst sich an die Stirn ob der unaufgeklärten Menschheit, muss sich aber eine Position am Rande des Geschehens gefallen lassen. Überall im Wald gab es Eremitagen, jede anders. Ihr eigener Tempel des Schweigens mit den Porträts berühmter Gelehrter lag mitten im Wald, der Ort wurde vor einigen Jahren rekonstruiert. Sie konnte von dort auf das Ruinentheater (1743) blicken, welches das romantische Naturtheater des 19. Jahrhundert vorwegnimmt und heutzutage von der Studiobühne Bayreuth bespielt wird. Die Untere Grotte und das künstlich ruinöse Eremitenhaus des Markgrafen entstanden 1744/45. Das Grab des Vergil (und ihres Hündchens Folichon) sind Resultat der Italienreise 1754/55. Dazwischen zierliche hölzerne bunte Pagoden nach asiatischem Muster, Baumsolitäre und Skulpturen, Heckenquartiere, weite Rasen- und Wiesenflächen und lauschige Laubengänge.

Innerhalb der deutschen Orangerie-Schlösser nimmt das Neue Schloss (1749-1753) mit seinen Arkaden und den bunten, mit Bergkristall und Glasflüssen inkrustierten Säulen eine Sonderstellung ein. Die Gartensäle und Wohnräume darin entstanden später und wurden im Krieg zerstört. Die ovale Anlage wiederholt sich in den gegenüberliegenden hölzernen Treillagen mit Steinskulpturvasen und Zitrusbäumen. Nichts ist bei Wilhelmine dem Zufall überlassen, ihre Philosophie will im Gehen erwandert werden. Der goldstrahlende Apoll mit dem Sonnenwagen auf dem zentralen Sonnentempel repräsentiert hoch oben den freiheitlichen griechischen Geist. Etwas tiefer demonstrieren die 43 Stuckbüsten römischer Kaiser und Philosophen (deren Daten die preußische Prinzessin im Geschichtsunterricht auswendig lernen und in ein Heft schreiben musste) nicht nur Geist, sondern vor allem Machtpolitik. Noch eine Ebene tiefer wandern wir, die „normalen Menschen“ und steigen dann die ovalen Treppenstufen hinab zu den Wasserspielen des Oberen Bassins mit den Neriden, Delphinen und Tritonen aus der Welt des Unbewussten.

Historische Stiche

Historische Postkarten

Der fürstliche Lustsitz Eremitage

1739, ein Jahr vor dem zweiten Besuch des Bruders von Markgräfin Wilhelmine, wurde der „Königsweg“ zur Eremitage angelegt. 1740, ein Jahr später (Friedrich II war jetzt König von Preußen) gelangte er über diese schöne Allee zum Sommerdomizil seiner Schwester. Der letzte Markgraf Alexander (1769-1791), der in Ansbach residierte und nur im Sommer einige Wochen in Bayreuth und Himmelkron verbrachte, konnte die kostspielige Gartenpflege nicht leisten. Man überließ vieles der Natur, außerdem waren Landschaftsgärten nach englischem Vorbild ohnehin modern.

Auch im 19. Jahrhundert, als es keine Markgrafen mehr gab, wurde die Eremitage noch von fürstlichen Hoheiten genutzt, wenn auch selten. Ab 1819 war Herzog Pius August von Bayern (1752-1837) in Bayreuth als königlich-bayerischer Generalmajor stationiert, neigte zu Wutausbrüchen und Gewalt und zog sich im Sommer als „Klausner Pius“, als Eremit also, in die Eremitage zurück. Ab und zu teilte er sein frugales Mahl mit dem Dichter Jean Paul. Von ihm stammt die hölzerne Kapellenklause beim Ruinentheater. Die Eremitenhäuschen des 18. Jahrhunderts sind jedoch längst verfallen und abgebrochen.

1860 kam König Maximilian I mit Familie (darunter dem noch jungen Sohn und späteren König Ludwig II) zur 50-Jahrfeier „Bayreuth in Bayern“ in die Stadt, besuchte im Markgräflichen Opernhaus eine Aufführung des „Tannhäuser“ (vom Coburger Stadttheater aufgeführt und lange, bevor Richard Wagner nach Bayreuth übersiedelte). Und natürlich wohnte man in der Eremitage, zu der 1876 auch Ludwig II mit Sonderzug anreiste, um an den Generalproben der ersten RING-Aufführungen „inkognito“ teilnehmen und sich bei Mondschein und nächtlichen Spaziergängen mit dem bewunderten Komponisten unterhalten zu können – was selbstverständlich nicht geheim blieb.

Reiseziel Eremitage heute

Die Eremitage ist einer der schönsten Barockgärten Deutschlands. Die Park- und Gartenpflege obliegt der Bayerischen Schlösserverwaltung, die 1983 die verfallene Kaskadenanlage wieder ausgrub und u.a. auch den ehemaligen Kanalgarten wieder restaurierte. An die erheblichen Kriegszerstörungen – vor allem der Orangerie – erinnert heute nichts mehr. Ungetrübt erfreuen sich die Besucher im Sommer an den stündlichen Wasserspielen in der Oberen und der Unteren Grotte, den beschnittenen Hecken und Laubengängen, den wundervoll komponierten Blumenrabatten, lauschen Festspielmusikern, schlendern durch die jährliche Kunstausstellung des Kunstvereins, feiern dort Hochzeiten oder genießen die Schlossgastronomie unter Arkaden und Biergartenbäumen. Bei „Wilhelminen-Eis“ und „Wilhelminen-Torte“ lassen sich zu schwer oder kompliziert gewordene Ideenwelten leicht abschütteln und im Geglitzer der Wasserfontänen auflösen, in der Bücherstube zu Hause weiter vertiefen.

Text & Fotos: Bayerische Schlösserverwaltung | Karla Fohrbeck

Der griechische Philosoph Sokrates fasst sich an die Stirne… Warum wohl?

Das Sommernachtsfest in der Eremitage 1744 und heute

Am 15. August 1719, also noch unter Markgraf Georg Wilhelm, wurde die Eremitage mit einem Markt für die Landbevölkerung eingeweiht, der von da an jährlich als „Eremitage-Kirchweih“ wiederholt und später zu populären Sommerfestveranstaltungen ausgebaut wurde.

Die Tradition der Sommernachtsfeste in der Eremitage – damals für den Hof, aber auch schon für die Bevölkerung – führten Markgräfin Wilhelmine und Markgraf Friedrich ein. Wilfried Engelbrecht hat uns in seinem spannenden Buch „ Das Neueste aus Bayreuth. Die Presse im markgräflichen, preußischen und französischen Bayreuth. 1736-1810“ eine solche Medienberichterstattung aus dem Jahre 1744 überliefert, die wir hier wiedergeben.

Das Sommernachtsfest in der Eremitage Sommernachtsfest findet in der heutigen Form seit 1980 statt und wurde damals vom damaligen Städtischen Verkehrsdirektor Jo Schuhmacher initiiert.

In der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Fremden-Verkehrsvereins ist darüber zu finden:
„Bayreuths Festkalender wird nun sinnvoll erweitert, außerdem werden neue Großveranstaltungen ins Leben gerufen, mit denen die Attraktivität der jungen Universitätsstadt weiter gesteigert wird. Als erstes wird das Sommernachtsfest in der Eremitage, das zunächst 1970 vom Universitätsverein ins Leben gerufen wurde, zu einem fränkischen Sommernachtstraum aufgewertet. Bis zu 20 000 Gäste versammeln sich in manchen Jahren zum „Open Air“ in Wilhelmines Paradies. Mit Recht wird diese Großveranstaltung als eines der schönsten fränkischen Sommerfeste gerühmt“.

Illumination, Feuerwerk, barocke Kostüme, Picknick im Park, Live-Musik, kulinarische Spezialitäten… die Angebotspalette für „eine zauberhafte Nacht“ der Veranstalter ist breit und natürlich spielt da das Wetter eine wichtige Rolle. Wünschen wir also den jährlichen Sommerfesten ein „Arkadienwetter“.

Textredaktion: Karla Fohrbeck
Fotos: Andreas Harbach

Sommernachtsfest 1744

Sommernachtsfest heute

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