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MARKGRÄFLICHE  PRACHTBAUTEN

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Bayreuth – Friedrichstraße 17

Ehemals katholisches Oratorium

Die Rennbahn (heutige Ludwigstraße) mündete um 1750 in den großen Übungs- oder Paradeplatz (heute Jean Paul-Platz) vor der Friedrichstraße mit dem ehemaligen Waisenhaus. Der Platz wurde nach Osten von der einstigen Reithalle (der heutigen Stadthalle) und dem früheren Oberstallmeistergebäude im Winkel (Hausnr. 19) auf der einen Seite begrenzt. Auf der Westseite schlossen die Postei (Hausnr. 15) und das große quergestreckte Eckhaus zur Rennbahn, gegenüber der damaligen Reithalle, den Platz. Es trägt die Hausnr. Friedrichstraße 17. In ihm sind heute eine Kanzlei und Privatwohnungen untergebracht. Zur Zeit von Markgraf Friedrich (1735-1763) beherbergte es einst das Pfarrhaus der Katholiken, das auch die beiden Sandsteingebäude in der Ludwigstraße 34 und 32 mit umfasste. Das Oratorium (also das Bethaus) stand im Hof dahinter, vom Platz aus gar nicht sichtbar.

Katholiken als Minderheit

Auf dem Aufriss des Planes von Hofarchitekt Joseph Saint Pierre erkennt man bei genauem Hinsehen, dass die Ludwigstraße 32-34 damals zwar wie ein Haus aussah, in Wirklichkeit aber nur als Blendfassade gedacht war, die das große Oratorium im Hof dahinter mit seinen 3 kleinen Nebenkapellen verbergen sollte. Ökumene musste erst vorsichtig eingeübt werden im aufkommenden Toleranz-Zeitalter. Da der Markgraf nicht nur weltliches, sondern seit der Reformation auch geistliches Oberhaupt des Fürstentums war, nahm er diese Verantwortung nicht nur für die Protestanten wahr.

Schon unter früheren Markgrafen, die ja allesamt protestantisch waren, wurde den wenigen Katholiken die Ausübung ihres Gottesdienstes auf Privatgrund oder außerhalb der Stadtmauern gestattet. Es handelte sich aber stets um Ausnahmen. 1722 erteilte Markgraf Georg Wilhelm (1712-1726) den Katholiken, die vorwiegend bei Hofe arbeiteten, die vertragliche Erlaubnis, „ihre Religion unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszuüben“. Daran musste sich das tolerante Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine 1745, als diese Konzession ergänzt und „auf Widerruf“ erneuert wurde, ebenfalls halten.

Eine wachsende Gemeinde …

In dieser baufreudigen Regierungszeit wuchs die internationale katholische Gemeinde auf 400 und nach 1750 sogar auf über 500 Seelen an. Auch Reformierte sowie Juden bekamen wieder größere Freiheiten. Unter den Katholiken befanden sich nun zahlreiche selbstbewusste, auch italienische und französische Hofkünstler, die das längst zu kleine Gemeinde-Provisorium am heutigen Hohenzollernring aufgeben wollten. Ein österlicher Besuch des Markgrafenpaares dort bestätigte sie. Die frühere Postei und kurzfristige markgräfliche Universität (Friedrichstraße 15), die der Gemeinde 1743 zum Kauf angeboten wurde, überstieg allerdings die Finanzen bei weitem, weswegen auch der Bamberger Erzbischof Karl von Schönborn ein Ansuchen um Unterstützung vorerst ablehnte.

Aufrisse aus: Merten, Klaus: Der Bayreuther Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre (1708/9-1754) in Archiv für Geschichte von Oberfranken 1964
Von 1737 bis 1749 befand sich das Oratorium äußerst beengt im rechten Eckzimmer des ersten Stockwerks von Hohenzollernring 73 (also vorschriftsgemäß „außerhalb der Stadtmauer“).

… in Eigeninitiative

So bat Hofstukkateur Andrioli im Herbst 1744 den Markgrafen mündlich um einen Bauplatz für ein katholisches Bethaus. Dieser munterte ihn auf, ein offizielles Memorial zu übergeben. Schon am 25. September lag ein gemeindliches Baugesuch für ein Oratorium bei Hofe vor und schon am 12. Oktober wurde es genehmigt. Markgraf Friedrich stellte besagtes Grundstück Ecke Rennbahn und Paradeplatz zur Verfügung (die rechte Seite des Platzes war noch nicht bebaut) sowie die Hälfte des erforderlichen Bauholzes. Andrioli und Mundkoch Lacour als Gemeindevorsteher beauftragten Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre mit der Bauplanarbeit, dessen Riss gefiel. Schon am 19. Oktober 1744 legte die Gemeinde der markgräflichen Regierung Saint-Pierres Bauplan vor. Ein rasantes Tempo, das dem Bamberger Erzbischof nicht behagte. Dieser hatte sogar seinen Stararchitekten Balthasar Neumann mit einem alternativen Plan zu einem etwas kleineren Oratorium betraut, der aber nicht mehr zum Zuge kam.

Baubeginn 1745 bis 1746

Auch der für Bayreuth ab 1738 zuständige (und am Hof beliebte) katholische Missionarius Georg Paul Finck war von Anfang an nicht von der großen Vision der finanzschwachen katholischen Gemeinde erbaut gewesen, die sich schon 1744 von Ihro Hochfürstl. Gnaden, Markgraf Friedrich „das hohe Wort“und entsprechenden Grund, leihweise auch schon „das bedürfftige Holzwerck“ hatte geben lassen. Er beteuert seinem Bischof, er selber sei unschuldig an dem zu großen Kirchenbau und die Pläne habe die Gemeinde eigenmächtig „approbiert“…“da fihlen schändliche wort über die catholische geistlichkeit, wann sie nit wollen darzu contribuiren.“

Dennoch, von Ostern 1745 bis in den Sommer 1746 wurde gebaut. Im Juli allerdings starb der Erzbischof, der trotz allem Hin und Her wohlwollender Unterstützer blieb. Und ab da stagnierte das Vorhaben, denn sein Nachfolger hatte wenig Verständnis für diese Unternehmung. So blieb der Bau jahrelang unvollendet und der Witterung ausgesetzt.

Stillstand, wachsender Druck …

Nun erwartete das Markgrafenbesuch zur Hochzeit seiner einzigen Tochter hohen Besuch und wollte das Stadtbild und insbesondere den Paradeplatz repräsentieren können. Die Bayreuther Katholiken schrieben daher am 25.8. 1747 und am 5.1.1748 an den Bischof von Bamberg, der für sie zuständig war, die Gemeinde sei bekümmert, „den Bau allhier also unvollkomen vor Augen da stehen zu sehen, dem Wetter ausgesetzt – auf allen Seiten Wasser und Schnee eindringen und davon inwendig angefüllt ist. Zu diesem kombt noch, daß wir von vielen hohen Herrn und Räthen erinnert werden, bey der in diesem Jahr allhier bevorstehenden hohen Vermählung bedacht zu seyn, die Straße bey unsern Bau, von Bau-Materialien rein zu halten und doch nur in etwas dem Bau eine andere Gestalt zu geben“. Unterschrieben u.a. von den Architekten Guiseppe Galli-Bibiena und Joseph Saint-Pierre, die beide katholisch und für den Bau des Markgräflichen Opernhaus zuständig waren, das ebenfalls bis zur Vermählung der einzigen Tochter Friederike Sophie des Markgrafenpaares mit dem jungen Herzog Carl Eugen von Württemberg im September des Jahres fertig sein sollte.

… und wachsende Spannungen

Mitten im Sommer 1748 sah man auch in Bayreuth selber, was aus dem Bau werden solle, „da fing das Lermen auf der Regierung an…es hat geheißen ein haus, das ist aber eine (förmliche) kirch“. Stadtrat und Bürgermeister machten auf einmal Besitzrechte geltend und wollten, dass die geplante Orgelempore innerhalb von 3 Tagen wieder abgerissen werden sollte, was Markgraf Friedrich dann aber abwehren konnte. Die protestantischen Ratsherren und Adligen beargwöhnten auch, dass künftig Prozessionen gehalten würden – darauf verzichtete die katholische Gemeinde um des lieben Friedens willen. Vermittlerin, die ihre Hand schützend über die Künstler-Gemeinde hielt, war weiterhin Wilhelmines preußische Hofdame von Sonsfeld.

Die wiederholten Gesuche nach Bamberg um Geld hatten 1748 endlich Erfolg. In Eichstätt war für ein katholisches Gotteshaus in Erlangen gesammelt worden, das aber nicht gebaut wurde. Diese Summe floss nun nach Bayreuth. Das Oratorium mit 20,5 m Länge und 11,5 m Breite wurde der Heiligsten Dreifaltigkeit gewidmet und am 7. Januar 1749 konnte der erste Gottesdienst gefeiert werden. Der protestantische Generalsuperintendent von Ellrodt bekundete seine Sympathie, viele Konsistoriums-Mitglieder und der Rat der Stadt blieben in der Opposition. Auch die Schulräume und die Pfarrwohnung in den Gebäuden zur Rennbahn (Ludwigstraße 32 und 34) konnten jetzt genutzt werden. Sie blieben bis 1858 im Besitz der katholischen Gemeinde und wurden dann an Kaufmann Kolb verkauft. Das Vordergebäude dagegen blieb vorerst unvollständig.

Es sollte noch lange dauern …

Denn die Vollendung der Bauten erforderte ständig weitere Mittel und zog sich daher in die Länge. Missionarius und Seelsorger Finck, der bis 1777 trotz vieler Angriffe, Sorgen und Streitereien seiner Aufgabe und seinem Amt treu blieb, hatte keinen leichten Stand.

Noch drei Jahre sollte es dauern, bis das repräsentative Vordergebäude – als Pfarrhaus ohnehin zu groß – bewohnbar wurde. Erst sollte es verkauft werden, dann streckte Markgraf Friedrich der Gemeinde im Juni 1752 die erforderliche Bausumme als Darlehen vor. Nach dem Brand des Alten Schlosses im Januar 1753 fand für zwei Jahre die Nichte des Markgrafen, die Prinzessin von Weimar und spätere Herzogin von Hildburghausen hier ein angemessenes Domizil. 1755 bezog Oberforstmeister von Künsberg das Gebäude und in der Familie blieb es bis Ende des Jahrhunderts. 1802 bis 1819 mietete es samt Kutschenremise, Pferdestallungen und Hofrecht der Graf von Giech zu Thurnau. Dann wurde es an den Bürgermeister von Hagen und seine Frau verkauft.

Noch länger dauerte wegen Geldmangels der Innenausbau des Oratoriums. Hofstukkateur Guiseppe Pedrozzi, der Bruder des bekannteren Giovanni Battista Pedrozzi, konnte erst 1753 dem Bamberger Bistum seinen Entwurf für einen Altar aus Stuckmarmor vorlegen und die Kanzel konnte erst 1762 errichtet werden. Die große Schuldenlast zwang zu ständigen Bittgesuchen. Und so führte offenbar der Romaufenthalt des Markgrafenpaares im Sommer 1755 dazu, dass auch Papst Benedikt XIV von den Schwierigkeiten erfuhr und die Bayreuther Gemeinde finanziell und durch Spendenaufrufe unterstützte. Auch die nachfolgenden Päpste sandten Paramente, Messgewänder, Monstranzen und eine Reliquie zur würdigen Ausstattung.

… bis zur religiösen Gleichberechtigung

Nach dem Tod von Markgraf Friedrich 1763 erneuerten die beiden folgenden Markgrafen alle 5 Jahre die Konzession zur katholischen Religionsausübung. Da aber der Großteil auch der katholischen Hofkünstler jetzt aufgrund mangelnder Auftragslage nach Potsdam auswanderte, gewann die protestantische Regierung wieder mehr Einfluss auf Vorschriften und Auflagen, die die religiöse Praxis, die interkonfessionellen Eheschließungen und die Kindererziehung in der katholischen Gemeinde einengten. Erst durch den Befehl Napoleons vom 26. November 1807, der in den unterworfenen Ländern allen Konfessionen Gleichberechtigung zusicherte, bahnte sich diese auch in Bayreuth an.

1810 wurde Bayreuth bayerisch und 1812 gestattete König Max Joseph seinen Katholiken eine eigene Pfarrei, zu der auch die Glaubensgeschwister der Umgebung gehörten.Für die inzwischen – auch durch Garnisons-Angehörige – wieder gewachsene Gemeinde mit über 1000 Seelen war das Oratorium zu klein geworden und man erbat sich die leer stehende Schlosskirche, die nach dem Schlossbrand 1753 einst ebenfalls von Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre und den Hofstukkateuren Pedrozzi ihr Gesamtbild erhielt. Mitsamt Kanzel, Taufstein, Beichtstuhl und Kirchenbänken zog man um. 1813, am 22. August, wird die Schlosskirche als zentrale katholische Pfarrkirche eingeweiht – die einzige der vielen evangelischen Markgrafenkirchen, die katholisch wurde. Die fürstliche Gruft durfte bleiben und damit die Erinnerung an die großherzigen Schutzpatrone der Gemeinde – das Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine.

Text: Karla Fohrbeck (auf Basis der im Vorspann zitierten Quellen)

Fotos: Karla Fohrbeck, Pero Köhler, Franz Simon Meyer, Eva Rundholz

ZUSÄTZLICHE LITERATUR
  • Jahn, Wolfgang : Der Pedrozzi-Stuck in der Schlosskirche Bayreuth. 2012
  • Merten, Klaus: Der Bayreuther Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre (1708/9-1754) in Archiv für Geschichte von Oberfranken 1964
  • Steffel, Georg: Religionsexerzitium und Gottesdiensträume der Bayreuther Katholiken nach der Reformation bis 1813. in Archiv für Geschichte von Oberfranken (AO) 1990, S. 84-122
Abbildung aus Wolfgang Jahn : Der Pedrozzi-Stuck in der Schlosskirche Bayreuth. 2012

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