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Fachwerkhäuser aus der Markgrafenzeit

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Fachwerkhäuser im Landkreis Kulmbach

Fachwerkbauten im Kulmbacher Land

Ein Blick in Fremdenverkehrsprospekte oder auf Werbeplakate zeigt es: Franken ohne Fachwerk, das wäre undenkbar. Dabei ist Franken nur die östliche Randzone des großen westeuropäischen Fachwerkgebietes, das auch Nordfrankreich und England umfasst. Neben den politischen Grenzen, die sich über Jahrhunderte hin entwickelt haben und im 16. Jahrhundert auch zu Konfessionsgrenzen wurden, sind es die naturräumlichen Gegebenheiten – vor allem das Vorhandensein verschiedener Baustoffe – die zur Bildung regionaltypischer Hausformen führten. So unterschied Conrad Scherzer, einer der frühen oberfränkischen Bauernhausforscher, das Frankenwaldhaus und das Fichtelgebirgshaus vom Sandsteinhaus des Bayreuther Landes. Letztgenanntem Typ ist auch die Mehrzahl der Bauernhäuser im Kulmbacher Umland zuzurechnen.

Fachwerkhäuser aus Berndorf

Holz – der ursprünglichste Baustoff

Der ursprünglichste Baustoff, der sicherlich auch die Bebauung rund um Kulmbach prägte, war das Holz. Der bekannte fichtelgebirgische Heimatforscher Friedrich Wilhelm Singer betont in der Einleitung des von ihm edierten Landbuchs der Sechsämter aus dem Jahr 1499, dass darin erscheinende Hinweise auf Reste von gemauerten Häusern, zu einer Zeit, wo fast ausschließlich mit Holz gebaut wurde, als Indizien für mittelalterliche Wehrbauten anzusehen seien. Mittelalterliche Ständer- oder Blockbauten haben sich in der Region allerdings nicht erhalten.

Die Kolonisierung des Landes und die intensive Nutzung der Wälder machten das Holz im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu einer Mangelware. Durch die Anordnung von „Waldbereitungen“ – also amtlichen Kontrollritten zur Anfertigung von Waldbeschreibungen – und den Erlass von Waldordnungen, auf deren Einhaltung das Forstpersonal peinlichst zu achten hatte, bemühten sich die Markgrafen, dem Raubbau Herr zu werden. Zur Unterstützung des Wiederaufbaus der im Bundesständischen Krieg zerstörten Stadt Kulmbach versprach beispielsweise Markgraf Georg Friedrich 1562 den Bürgern die Abgabe von kostenlosem Bauholz aus seinen Wäldern, wenn sie wenigstens das untere Stockwerk ihrer Häuser aus Steinen errichten würden. Zum Bau dieses steinernen Untergeschosses erhielten die Bauherrn zusätzlich noch ein Darlehen von 10 bis 60 Gulden angeboten, welches sie „nach Gelegenheit und in leidlichen Fristen“ wieder abbezahlen konnten.

Zwischen Renaissance und Rokoko – Veränderungen im Fachwerkbau

Der sich aus der Ständerbauweise entwickelnde Stockwerkbau, bei dem jedes Geschoss für sich abgezimmert ist, wurde seit dem 15. Jahrhundert zur dominierenden Konstruktion im fränkischen Fachwerkbau. Bei den ersten Stockwerkbauten in Rahmenbauweise kragten besonders in Stadtlagen die Obergeschosse über die Balkenköpfe der darunterliegenden Etage in den Straßenraum vor. Manchmal gab es Erker (bei Bauten in der Stadt) oder Bohlenstuben (beliebt im ländlichen Bauwesen). Die Holzverbindungen erfolgten in der Regel durch Blattverbindung, Verblattung und Überblattung. Stabilisiert wurden die Rahmen durch Kopf- und Fußbänder, oft beidseits der Ständer, und über steile, teils stockwerkhohe Streben. Später entwickelten sich aus den einzelnen Streben die sogenannten Wilder-Mann-Figuren. Die Gefache waren extrem groß und häufig mit regionalem Strohlehm über einem Weidenrutengeflecht gefüllt oder mit Lehmziegeln ausgemauert, die Oberflächen mit Kalkschlämmen getüncht. Die Fensteröffnungen waren sehr klein und orientierten sich nicht unbedingt an den Ständern. Die Fensterverschlüsse bestanden aus Festverglasungen, Öffnungsflügel oder Schiebeflügel, meist mit Bleiverglasungen. Zu den Fenstern gehörten in der Regel hölzerne Fensterläden.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg gingen die Geschoss-Vorsprünge zurück und die Deckenbalken wurden bündig zwischen Rähm und Schwelle verkämmt. Letztere wurde häufig durch Profile verziert. Die Holzverbindungen wurden zunehmend durch Nut- und Zapfenverbindungen gebildet; es entwickelten sich die K- und Doppel-K-Streben. Die Hölzer wurden nun farbenfroher gefasst. Die Barockzeit fand auch hier ihren Ausdruck in reich geschnitzten Oberflächen mit Volutenformen für die Balkenköpfe, Muschelmotiven für die Fußbänderpaare und Rosetten oder Taumotive für die Eckständer. Die Fensteröffnungen orientierten sich nun an der Raumfolge der Grundrisse, häufig erfolgte die Gestaltung der Brüstungsfelder entsprechend der Raumzugehörigkeit.

Im 18. Jahrhundert wurden die Formen des Fachwerks wieder schlicht. Der Brandschutz verlangte besonders in größeren Orten einen Verputz der Fachwerkwände. Ziel war es oft, dem Fachwerk durch den Verputz die Optik eines massiven Steinbaues zu verleihen.

Häuser mit K- und Doppel-K-Streben aus Kasendorf und Thurnau.

Das Wohnstallhaus

Die Grundform des ländlichen Hauses in Oberfranken ist das Wohnstallhaus, in dem der Wohnbereich, der Flur – dieser im hinteren Bereich oft die schwarze Küche enthaltend – und der Stall hintereinander unter einem Dach angeordnet sind. Der Stall und die Küche waren im Kulmbacher Umland in der Regel gemauert, der Wohnbereich konnte jedoch hin und wieder in Blockbauweise errichtet sein. Ein eventuell bestehendes Obergeschoss hingegen war in der Regel aus Fachwerk.

Neudrossenfeld-Pechgraben

Untersteinach damals und heute

Der Kulmbacher Lehrer und Heimatkundler Hans Edelmann konnte 1935 in Neudrossenfeld, südlich an der nach Pechgraben führenden Straße, noch ein Haus fotografieren, das im Erdgeschoß in Blockbauweise errichtet war. Das aus Fachwerk bestehende Obergeschoss ist durch eine überdachte hölzerne Außentreppe zugänglich gewesen. Bald nach der Entstehung des Fotos hatte man das Gebäude abgerissen. Ein ähnliches Wohnhaus aus Oberzettlitz bei Kulmbach, dessen Blockbau sich inschriftlich in das Jahr 1711 datieren lässt, wurde 1984 ins Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim versetzt. Ein im Obergeschoss im Blockbau ausgeführtes Gebäude fotografierte Hans Edelmann 1932 in Untersteinach. Es steht dort noch heute – denkmalgerecht renoviert – in der Tradgasse (Hausnummer 15).

Wohnstallhäuser aus: Wonsees, Lopp und Sanspareil

Stein avanciert zum wichtigsten Baustoff der Region

Der staatlich verordnete Schutz der Wälder und Belange des Brandschutzes führten verstärkt seit dem 18. Jahrhundert zur Zurückdrängung des Baustoffs Holz durch den Stein. Um einer Bauaufsicht die notwendige Grundlage zu verschaffen, hatte Markgraf Christian Friedrich Carl Alexander 1769 angeordnet, dass auch im Fürstentum Brandenburg-Kulmbach alle Baupläne und Kostenvoranschläge zur Beurteilung an die Baubehörden einzusenden seien. Im Fürstentum Ansbach war schon 1753 ein fürstliches Ausschreiben erlassen worden, „wie es in Zukunfft, wann die Unterthanen Häußer und Städel bauen, wegen der Handwercks-Leute Lohn, Materialien und sonsten gehalten werden solle“.
Da im Kulmbacher Land leicht zu gewinnender und zu verarbeitender Sandstein zur Verfügung stand, avancierte dieser schon früh – neben dem Holz – zum wichtigsten Baustoff in der Region. Dennoch waren 1795 selbst in der Stadt Kulmbach nur 64 vollständig aus Stein gemauerte Häuser vorhanden. Von den übrigen 381 Wohngebäuden waren 274 halbmassiv, hatten also zumindest ein steinernes Erdgeschoss; die übrigen 107 waren ganz aus Fachwerk oder in Blockbauweise errichtet.
Die Einführung der Brandversicherung durch Markgraf Alexander im Jahr 1770 und die penibel durchgeführte staatliche Bauaufsicht durch die Bayerischen Behörden verschafften in Folge der vielen kleinen und großen Brandkatastrophen des 19. Jahrhunderts dem steinernen Massivbau seinen endgültigen Durchbruch.

Sandsteinhäuser mit Fachwerk aus: Langenstadt, Veitlahm und Witzmannsberg

Nebengebäude

Neben dem Wohnstallhaus gehörten und gehören natürlich auch verschiedene Nebengebäude zu einem bäuerlichen Anwesen. Das wichtigste unter denselben ist die hauptsächlich aus verbrettertem Riegelwerk erbaute Scheune. Zu ebener Erde enthält die Scheune in der Regel in der Mitte die mit einem befestigen Fußboden versehene Tenne, die zum Dreschen des Getreides diente, und seitlich davon die beiden Bansen, die als Lagerraum für das ungedroschene Getreide und die ausgedroschenen Körner dienten. Die über der Tenne und den Bansen liegenden Böden dienen zur Lagerung von Heu und Stroh, während die ausgedroschenen Getreidekörner in der Regel auf dem Spitzboden des Wohnhauses aufbewahrt wurden.
Die oder der ebenfalls zum bäuerlichen Anwesen gehörende Schupfen enthielt meist eine kleine Werkstatt, war der Aufbewahrungsort für das landwirtschaftliche Gerät und diente ebenfalls als Stauraum für Heu und Stroh. Wenn keine eigene Holzlege vorhanden war, wurde im Schupfen auch das Brennholz aufbewahrt.

Ein im Kulmbacher Land früher weit verbreitetes Nebengebäude war das „Bäula“ oder der „Kasten“. Ursprünglich war der Kasten ein spezielles Speichergebäude für Getreide. Die jüngere, heute noch ab und an zu findende Form verfügte im Erdgeschoss oft über einen kleinen Stall, meist für Klein- oder Federvieh, oft auch eine kleine Werkstatt, oder – wie der Kasten in Schlömen bei Neuenmarkt zeigt – einen Backofen. Das Obergeschoss fand häufig Nutzung als Austragswohnung für den Altbauern und dessen Ehefrau bzw. Witwe. Ähnlich wie beim Wohnhaus war auch der Kasten oder das Bäula im Erdgeschoss oft gemauert, im Obergeschoss aber aus Fachwerk errichtet.

Schmuckstücke aus: Lindenberg, Pechgraben und Wonsees

Ungewisse Zukunft

Leider ist die Zukunft vieler historischer Fachwerkbauten, wohl nicht nur im Kulmbacher Umland, ungewiss. Die Menschen unserer Tage stellen andere Ansprüche an ihre Wohnungen, als das noch vor fünfzig oder gar hundert Jahren der Fall war. Oft werden neben den alten Wohnstallhäusern moderne Wohngebäude errichtet und die alten Häuser, obgleich sie vielleicht unter Denkmalschutz stehen, dem Verfall preisgegeben. Die alten Schupfen und Scheunen müssen modernen Hallen weichen; die Landwirtschaft unserer Tage braucht ganz andere Gebäude, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. So kommt es, dass man viele Dörfer auf alten Fotografien fast nicht mehr wiedererkennt. Zum Glück gibt es noch viele Liebhaber und Idealisten, die trotz des vielleicht mangelnden Wohnkomforts ihre alten Anwesen und damit auch die historischen Ortskerne unserer Dörfer erhalten und pflegen. Alle, die die Eigenart Frankens lieben, werden dies zu schätzen wissen!

Text & Fotos: Harald Stark

Weitere Fachwerkhäuser finden Sie auf unserer Übersichtskarte