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Thurnau – Das Schloss am See

Thurnau ist eine der größten und beeindruckendsten Schlossanlagen Oberfrankens. Beim Gang durch die beiden Schlosshöfe mit dem Zentrum der Kemenate lässt sich der stetige Wandel vom befestigten Wohnturm über die repräsentative Miniresidenz zum heutigen Wissenschafts- und kulturellen Veranstaltungszentrum nachvollziehen.

Turmburg auf einem Sandsteinfelsen

Das befestigte Hus uf dem Stein, heute die über 30m hohe Kemenate, wurde von der ritterschaftlichen Familie der Förtsche im 13. Jahrhundert auf einem Felsen errichtet und reichte im Inneren bis in den 3.Stock. Nach Norden diente ein Zwinger mit überdachtem Wehrgang sowie der davor gelagerte Trockengraben der Abwehr ungebetener Gäste. Im Süden übernahmen das Sumpfgebiet der Au sowie der Weiße Turm (wegen seines Verputzes) und der (wegen der Hohen Gerichtsbarkeit später sog.) Cent-Turm die gleiche Funktion. Die wegen ihrer Heizbarkeit mit Kaminen so benannte Kemenate erweiterten die wohlhabenden Förtsche im 15. Jahrhundert um eine sog. Sommerkemenate mit einem offenen Arkadengang – heute hinter einem vorgesetzten verglasten Gang größtenteils verborgen.

Die dreistöckige Kemenate

Hans-Georg Giech (1521-1613) erhöhte in seinem langen Leben die Kemenate um 3 Stockwerke, erweiterte sie nach Nordosten um einen Anbau zur Getreidelagerung (1584) und schloss sie mit einem eleganten Renaissancegiebel ab. Durch 2 Wendeltreppentürme, den sog. Vorderen und Hinteren Schnecken (1583 bzw. 1591) sorgte er für einen bequemeren Zugang. Noch heute erinnern Inschriften in Rollwerkrahmen an diese Großtat. Seiner im Alter gehbehinderten Frau ließ Hans Georg 1581 einen Gebetserker an die Ostseite der Kemenate anbauen. Das Figurenprogramm mit Adam und Eva, Posaunenengeln des Jüngsten Gerichts und der 16wappigen Ahnenprobe schuf vermutlich der Bildhauer Hans Schlachter. Auf Hans Georg Giech geht auch der erste Erweiterungsbau im Oberen Hof zurück. Der nach ihm benannte Bau (um 1600 errichtet) wird durch einen überdachten Holzgang mit der Kemenate verbunden.

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Sehenswerte Epitaphe in der Kirche

Die Förtsche starben 1564 in männlicher Linie aus. Die Grabplatten in der Laurentiuskirche hinter dem Altar stellen links den vorletzten Förtsch, Wolf dar, der die Reformation einführte, und rechts den ersten Giech auf Thurnau, nämlich Hans Georg Giech und seine „Hausfrau“ Barbara (geb. Förtsch) dar. Auf beiden Grabmälern stehen die Ritter auf einem Löwen. Und beide stellen sich unter die Auferstehung Jesu Christi, die als eigene kleine Hoffnungsvision und -gewissheit jeweils über ihnen dargestellt ist. Neben dem Recht auf Fürbitten in der Kirche umfasste das adelige Patronatsrecht den Anspruch auf Bestattung in der Kirche und das Recht, den Pfarrer zu ernennen. Dafür trugen die Patronatsherren die Baulast der Kirche und den Unterhalt der Geistlichen. Auch das prunkvolle Wappen über dem Chorbogen stammt noch von den Künsbergs (auch Künßberg geschrieben) mit den Figuren der Temperantia & Fortitudo (Mäßigung & Stärke).

Zwei Adelsfamilien unter einem Dach

Danach ging der Besitz als Condominat – also eine gemeinsam ausgeübte Herrschaft – 1566 an die reichsritterlichen Schwiegersöhne Giech und Künsberg. Das Zusammenleben der beiden Familien unter einem Dach führte natürlich zu Reibereien, so dass man sich 1576 zur Teilung des Schlosses mit jeweils eigenem Zugang entschloss. Die Giechs, deren Hauptschloss bei Schesslitz/Bamberg lag, bewohnten weiterhin die Kemenate und schufen durch Anbauten den Oberen Schlosshof, die Künsbergs dehnten sich nach Westen aus und schufen 1675 den barocken Neubau am Unteren Schlosshof. Sie schufen sich jedoch schon 1632 mit dem Kauf des Schlosses Ermreuth ein zweites Standbein und machten dies 1731/7 zu ihrem Hauptwohnsitz, nachdem sie ihren Thurnauer Schlossanteil an den Grafen von Giech verkauft hatten.

Doppelter Herrschaftsstand von 1706  – outstanding

Der doppelte Herrschaftsstand in der Laurentiuskirche wurde von Hofbildhauer Elias Räntz und seiner Werkstatt gearbeitet. Er stammt also noch aus der Zeit des Giech-Künsberg’schen Condominats, das bis 1731 währte.
Die untere Loge trägt oben das freiherrliche Allianzwappen Künsberg-Bothmer. Auf der Kartusche in Höhe der 1. Empore über dem Eingang lobt eine lateinische Inschrift den Erbauer Eucharius Ferdinand Carl Künsberg als „königlich großbritannischer Kammerherr“. Der obere vorkragende Stand der Reichsgrafen von Giech trägt das Allianzwappen Giech-Khevenhüller. Die Inschrift auf der Kartusche ist Karl Gottfried II. Reichsgraf von Giech-Khevenhüller gewidmet. Sein Wappen wird von Putten gehalten.
Der Holzbrücken-Zugang vom Schloss aus war den Reichsgrafen von Giech vorbehalten. Von jeher verband er als Kirchgang die Kemenate schon mit der Vorgänger-Kirche (und wurde 1683 & 1860 erneuert). Die Loge wurde von einem italienischen Kamin geheizt und auch Beamte, Pagen und Bedienstete hatten hier Platz. Die Künsbergs mussten sich von der Straße aus und die Wendeltreppe hinauf in ihre Loge bequemen.

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Barocke Baulust in Friedenszeiten

Nach den Verwüstungen des 30jährigen Krieges (1618-1648) dauerte es einige Jahrzehnte, bis sich Herrschaft und Markt erholt hatten und die barocke Baulust auch Thurnau den Stempel aufdrückte. Mit Eva Susanna aus der wohlhabenden österreichischen Exulantenfamilie der Grafen Khevenhüller verheiratet, ließ Graf Carl Gottfried Giech (1670 -1729) den Cent- und den Weißen Turm aufstocken und – wie auch die anderen Türme der Anlage – mit Zwiebelkuppeln versehen.

Die Laurentiuskirche bekam 1701 -1706 einen imposanten Neubau, an dem einige markgräfliche Hofkünstler beteiligt waren. Der Hans-Georgen Bau erhielt 1710 ein zweites Stockwerk mit einem repräsentativen Ahnensaal, von Bernadino Quadri mit einer modischen Stuckdecke ausgeschmückt. Die Hofstukkateure Bernardino Quadri und Andrea Domenico Caddenazzi stuckierten auch die Räume der Kemenate. Das gräfliche Haus zog damals viele Künstler, Beamte und Neuansiedler nach Thurnau.

Statt des zugeschütteten Trockengraben ließ Carl Gottfried Giech den Oberen Hof nach Osten (zum Kirchplatz) hin nun durch eine Mauer mit einem eleganten Obelisken-Zaun abschließen. Nach Süden wurde der Obere Hof 1714 durch das Kutschenhaus samt einer kleinen Reitbahn erweitert und abgeschlossen. Der nachfolgende Graf ließ anstelle eines Palisaden-Zaunes im Westen den nach ihm benannten Carl-Maximilian-Bau errichten. Die vorhangartig gerahmte Kartusche über dem Mittelportal gibt die Erbauungsdaten 1729/31 wieder.

Der barocke Brunnen im Oberen Schlosshof

Unter dem kunstsinnigen Christian Friedrich Carl erhielt der Bau seinen Giebelaufsatz und im Inneren eine vorzügliche Rokokoausstattung, die dem veränderten Geschmack der nächsten Generation allerdings fast völlig zum Opfer fiel. Mittelpunkt des Oberen Hofes bildet ein elegant geschwungener vierseitiger Sandsteinbrunnen. Das Wasser strömt aus 4 Röhren, ehemals auf vergoldeten Stützen in Form eines „G“. Die verspielte Brunnensäule wurde vom Bildhauer Georg Caspar Clemm aus Sachsen-Hildburghausen geschaffen. Rocaillen, Putten und der wappengebende Giech’sche Schwan, welcher eines der Kindl gerade am Haarschopf zupft, halten eine lateinische Kartusche mit Angabe des Entstehungsjahrs 1755.

Die Schlossanlage im 19. Jahrhundert

Nach Umgestaltung des Carl Maximilian Baus um 1800 mit einmalig schönen Landschaftsveduten legte man im 19. Jahrhundert den Schwerpunkt auf Erhalt und Renovierung der Anlage. Die umfangreichen Sammlungen mit Porzellan, Gläsern, Gobelins, Waffen und Bildern sowie die riesige Bibliothek wurden in einem Teil des Schlosses als privates Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der aus einer Baille-Maille Anlage entstandene Park im französischen Stil wurde nach englischem Vorbild umgestaltet und erhielt eine Lindenalle und ein Teehaus (letzteres nur noch rudimentär vorhanden). Die Lithographie-Tafel Nr. 14 von 1851 ( kolorierte Fassung im Eigentum R. Hunebald ) aus dem Album Thurnau von Carl August Lebschée gibt davon einen romantischen Eindruck.

Wiederbelebung im 20. Jahrhundert

Nach dem Aussterben der Grafenfamilie 1938, dem Übergang an die Erben, den Freiherrn Hiller von Gaertringen, und der dichten Belegung mit schlesischen Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg wurde das Schloss vorübergehend privat genutzt, in den 70er Jahren dann in die Gräflich Giech’sche Spitalstiftung überführt. Unter anderem mit Unterstützung des Bayerischen Staates, der Oberfranken- und der Deutschen Denkmalschutzstiftung wurde und wird das Schloss Stück für Stück restauriert. Die Kemenate wurde gesichert, der Carl-Maximilian- und der Hans-Georgen -Bau mit Beton unterfangen bzw. mit modernen Betonpfeilern gestützt.

Als Teil der Universität Bayreuth dient das Schloss nun vorwiegend der kulturellen bzw. wissenschaftlichen Nutzung. Das Schloss „am See“ (dem 1971 aus der ehemaligen Sumpfwiese geschaffene Weiher) ist wieder zu einer Stätte voller Leben geworden. 1976 zog das Forschungsinstitut für Musiktheater  (FIMT) in das einmalige Ambiente des Hans-Georgen-Bau, und seit 2017 nutzt das Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bayreuth und Bamberg die einstige Sommerkemenate, die im 19. Jahrhundert zum Archivbau umfunktioniert worden war.

Ein Schloss am See voller Leben …

Im stuckverzierten Ahnensaal des FIMT, im postmodern umgestalteten einstigen Kutschenhaus und im Marstall finden Kongresse, Seminare, Konzerte und sonstige Kulturveranstaltungen statt. Das Ambiente der Schlosshöfe wird für Hochzeitsfeiern, Theateraufführungen und andere Festlichkeiten genutzt. Führungen durch die Kemenate mit dem Gebetserker, der Kirche und dem Kirchgang sind zunehmend beliebt. Ein Großwandkino findet im Unteren Hof großen Anklang und der überregionale Töpfermarkt zu Ostern und am 2. Advent zieht Besucher von nah und fern an. Nicht zuletzt lässt sich im Schlosshotel feiern, tagen, speisen und traumhaft schlafen.  Bestünde offizielles Interesse an einer Leihgabe von zumindest Teilen der wertvollen ehemaligen Gräflichen Sammlung, dann könnte auch die heute noch leerstehende Kemenate als Ausstellungsbereich wieder mit Leben gefüllt und zu einem weiteren Anziehungspunkt werden.

… und ein romantischer Töpfer- und Handwerkerort „drumrum“

Direkt am Schlossplatz lohnt der Besuch der barocken Laurentiuskirche mit dem außergewöhnlich schönen zweistöckigen Herrschaftsstand (tagsüber offen), der – ebenso wie den Brunnen des Ortes – auf dieser Webseite ein eigener Beitrag gewidmet ist. Die Gräber derer von Giech sind auf dem Friedhof zu entdecken. Und der Pfad der Kunsthandwerker beginnt naturgemäß auch am Schlossplatz, nämlich am liebevoll ausgestatteten Töpfermuseum, und führt zu vielen Ateliers, nicht nur zu den mehr als einem Dutzend Töpfereien, auch zu Weber-, Design- und Holzwerkstätten und Studios. Der See unterhalb des Schlosses mit seinen Wasserspielen lädt zu Spaziergang und Gastronomie ein. Zum nahegelegenen Golfplatz oder zu einem anschließenden Ausflug nach dem barocken Felsenpark Sanspareil und Jagdschloss Zwernitz des Markgrafenpaares Friedrich & Wilhelmine braucht man schon ein Auto – oder besichtigt es virtuell hier.

Text: Dr. Uta von Pezold
Fotos: Dr. Karla Fohrbeck, Luftfotos Prof. Dr. Herbert Popp,

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