Project Description

ENTDECKE

MARKGRAFENKIRCHEN

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

WEIDENBERG –
Friedhofs­kirche
St. Stephan

Auch die Friedhofskirche St. Stephan ist „ein wahres Kleinod von kulturhistorischer Bedeutung“– aber keine typische „Kirche im Markgrafenstil“. Da sie aber im 17. Jh. barockisiert wurde und 1750 auch einen Kanzelaltar bekam, wird sie in unseren Kontext mit aufgenommen.

Zisterzienser-Kapelle . . .

Äußerlich ist die kleine Kirche aus verputztem Brockenmauerwerk inmitten des Weidenberger Friedhofs eher einfach und unauffällig. Ein schlichter Rechteckbau mit 3seitigem Chorabschluss, 2 Spitz­bogen­portalen im Norden und Westen sowie langseitig 3 spitz­bogigen Fenstern. Auf dem Walmdach mit achteckigem Dachreiter und Zwiebelhaube sind die beiden Glocken (eine von 1717, eine anstelle der im Krieg eingeschmolzenen aus dem Jahr 2000) und die elektrische Läuteanlage installiert.

An dieser Stelle stand vermutlich schon seit Anfang des 12. Jh eine Zisterzienserkapelle, die wohl zu einem Kloster oder einer Mönchssiedlung gehörte. Sie lag zudem wie viele kleine Kirchen und Kapellen an Kreuzungen von Heer- und Handelsstraßen, diese hier an der belebten Alten Handelsstraße von Nürnberg nach Prag. Pfarrer Günter Daum verglich sie daher 2016 in einem Interview mit heutigen Autobahnkirchen.

Die Herren von Weidenberg bevorzugten lange Zeit ihre ehemalige Burgkapelle St. Michael für Gottesdienst und religiöse Feierlichkeiten. Für die Bewohner der umliegenden Höfe, Siedlungen und die Altung war St. Stephan die Pfarrkirche. Bis die Weidenberger Schlosskapelle auf dem Gurtstein Pfarreirecht bekam, wurde St. Stephan von der Mutterpfarrei in Nemmersdorf betreut. 1415 wird sie erstmals urkundlich erwähnt in einem Lehensbrief an Clas von Weydenberg, der Güter vom Nürnberger Burggrafen „am fischpache zu weydenberg bey sant Stephan gelegen“ zu verwalten hatte. 1418 starb das Adelsgeschlecht derer von Weidenberg aus.

. . . & später Pfarrkirche

1430 wird sie durch die Hussiten zerstört. 1446 kauft Adrian von Künsberg den gesamten Besitz, das zollersches Lehen bis 1634/51 bleibt. Um 1450 – zeitgleich mit der 1. St. Michaelskirche auf dem Gurtstein – wird auch die kleine Pfarrkirche (noch ohne Friedhof) in der heutigen Gestalt aufgebaut, wobei sie damals noch ein Deckengewölbe hatte (inzwischen eine einfache Bretter-Flachdecke). 1499 wird Sankt Stephan sogar elfmal in einem Lehensbrief erwähnt. 1529 wird Weidenberg reformiert und die kleine Pfarrkirche evangelisch, behält aber den Zisterzienser-Patron Stephan, den Gesteinigten, den ersten Märtyrer nach Jesu Tod, als Schutzheiligen im Namen.

Heilige & Fresken noch aus gotischer Zeit

Vom gotischen Flügelaltar um 1500 stammen die beiden schönen, farbig gefassten und geschnitzten Halbrelief-Tafeln an der linken Chorwand, mit den Heiligen Johannes der Täufer (der auf Christus als das Lamm Gottes zeigt) und Barbara (mit Turm) links sowie Margarete (mit dem Drachen) und einem Heiligen (ohne Attribute) rechts – eine oberfränkische Arbeit.

Darunter sind zwei Kinder mit den Wappenschilden derer von Künsberg als Steinfiguren auf Steinsockel erhalten.

Eine Entdeckung war bei der Generalsanierung 1999/2000 durch das Staatliche Hochbauamt Bayreuth die Freilegung der spätgotischen Fresken innen und außen. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1500 und 1600, wobei man im Gemäldezyklus auch die konkrete Jahreszahl 1585 fand. Die Restaurierung war mühsam und geschah mit großer Sorgfalt. Fast der ganze Chorraum war einst mit christlichen Bildwerken in farbiger Freskotechnik ausgeschmückt und die Szenen durch rote Bänder abgegrenzt. Zu erkennen sind noch Darstellungsfragmente von einem Reiter mit Pferd, kniende und betende Gestalten, Landschaften und Vögel.

Info-Box

Evang-Luth. Pfarramt Weidenberg
Gurtstein 4 (Eingang Kirchgasse)
95466 Weidenberg
Tel: 09278 264
Mail: weidenberg-evangelisch@t-online.de
(Bürozeiten Mo-Fr 9-11, Do aber 13-16 Uhr)

Die Kirche St. Stephan ist nur zu den Trauergottesdiensten geöffnet. Im Pfarramt oder bei der Mesnerin kann man sich aber den Schlüssel holen, auf Wunsch auch mit Führung.

Lesen Sie auch unseren Beitrag zu St. Michael am Gurtstein, Weidenberg in der Rubrik Markgrafenkirchen.

Ein Klick auf die Bilder stoppt & vergrößert diese.

Barockisierung nach 1650

Nach dem 30jährigen Krieg, wird die teilzerstörte Kirche von den Schlossherren erweitert, barockisiert und umgebaut. Die umlaufende Empore auf 12 einfachen Holzsäulen stammt aus der 2. Hälfte des 17. Jh., ebenso die ornamental bemalte Kanzel und die halblebensgroße Schnitzfigur des siegreich auferstandenen und segnenden Christus an der linken Chorwand. Diese stand einst auf dem Schalldeckel der einst erhöhten Kanzel. Auch der außergewöhnliche Votivaltar stammt aus der Zeit. Ein Jahrhundert später wird er dann zum damals typischen Kanzelaltar umgestaltet.

Ein außergewöhnliches Epitaphen-Gemälde von 1685 (Öl auf Leinwand) ist uns ebenfalls erhalten: Die Himmelfahrt der Anna Magdalena von Sparneck, die im Pfarrhaushalt bei ihrer Schwester lebte und mit 51 Jahren „seelig entschlaffen“ ist. Auf dem Bild sieht man im Vordergrund ihr hübsches Porträt in ovalem Rahmen vor dem Grabdenkmal (Sarg und 2 Obelisken). 6 Kinderengel (Putti) halten ihren erschlafften schwarzen Lebensfaden. Über den Putti mit ihrem Wappen rechts im Bild ist Schnitter Tod mit der Sense im Erntefeld zugange. Im Hintergrund schwebt die jugendliche Seele, von zwei Engeln geleitet, ins Himmelslicht, wo sie wiederum von einem Kinderengel empfangen wird, der ihr einen Kranz darbietet.

Ein Klick auf die Bilder stoppt & vergrößert diese.

Der Künsberg (Kanzel-)Altar
von 1661 & 1750

Der originelle Votivaltar von 1661 ist eine Stiftung des letzten Herrn von Künsberg, Johann Ludwig (1659 gestorben) und seiner Ehefrau Magdalena Barbara (1661 gestorben). Beide rahmen als Stifterfiguren – lebensgroß, betend und zu Christus aufblickend – links und rechts den Altaraufsatz (= die Retabel) ein. Die Inschrift auf den seitlichen Holz-Epitaphen entziffert man am Besten vor Ort.

Das Besondere sind aber der mit 17 Wappen bestückte Rundbogen um und über dem Gekreuzigten und ein sich verzweigender Weinstock mit wundervoll filigranem Reben- und Weinblatt-Geflecht, der aus dem Hügel von Golgatha emporwächst. Er umgibt Christus am Kreuz, um den das Fensterlicht eine fast blendende Aura bildet (denn in Johannes 15, 1 & 5 spricht Jesus Christus: ICH BIN der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner…ihr seid die Reben. Wer in MIR bleibt und ICH in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne MICH könnt ihr nichts tun).

Karl Sitzmann schreibt den barocken Altar Johann Georg Schlehendorn aus der Brenck-Werkstatt in Kulmbach zu.

Die köstlich-bunte, bäuerlich-barocke Relief-Abendmahlsszene auf der Predella, in der einer von links eine Schüssel mit (goldenen) Klößen serviert, lockert auf, gilt in der Literatur aber eher als „derbe oberfränkische Künstlerarbeit“.

Der Kanzelkorb von 1661 (siehe weiter oben) steht heute ebenerdig links vom Altar. Er wurde etwa 1750 im Markgrafenstil in den Altar integriert. In dieser Fassung erfüllte der Kanzelaltar von 1750 -1961 seine Funktion, Wortpredigt und Abendmahls­sakrament zu vereinen. Bei der Renovierung 1962-1964 wurde die Kanzel wieder restauriert und ebenerdig frei aufgestellt.

Die dreiteilige Orgel (vom Bayreuther Orgelbauer Urban Hübner) auf der Westempore ersetzte 1891 eine quietschende ältere und wurde 1999 bei der Innenrenovierung restauriert.

Der Friedhof . . .

. . . wird 1646 erstmals erwähnt. Aus der Zeit der Pest und des Dreißigjährigen Krieges, später auch aus dem 7jährigen Krieg stammten hunderte von Gräbern. Ab 1820 durften auf dem Friedhof um St. Michael auf dem Gurtberg keine Bestattungen mehr durchgeführt werden, dieser wurde daher aufgelassen. Alle Beerdigungen fanden ab jetzt auf dem Friedhof St. Stephan statt, so dass dieser bald zu klein und 1896 erweitert wurde (Foto vom Deckblatt des Kirchenführers).

Text & Fotos: Dr. Karla Fohrbeck

Quellen:

  • 1959. August Gebessler. Stadt und Landkreis Bayreuth. Bayerische Kunstdenkmale. 1959
  • 1981. Otto Pilz jun.“Im Gottesacker zu Weidenberg. Stephanskirche mit bedeutendem Künßberg-Kanzelaltar“ (Fränkischer Heimatbote 14. Jg. H.4)
  • 1987. Helmuth Meißner. Kirchen mit Kanzelaltären in Bayern. 1987. Deutscher Kunstverlag
  • 1999/2000 Staatl. Hochbauamt Bayreuth: Friedhofskirche St. Stephan Weidenberg.
  • Kurzbericht zur Generalsanierung (21 Seiten). (hellgrün, 20 S., Aufl. 230)
  • 2015. Ev.-luth. Kirchengemeinde Weidenberg: St. Stephan am Friedhof – Kirchenführer (8 S. DiN A8  mit farbigen Abb. o.J.)
  • 2015. Erika Gstaiger. Chronologie St. Stephan zur 600-Jahrfeier 2015 im Gemeindebrief (April-Mai)
  • 2016. Michael Weiser & Pfarrer Günter Daum. Eine Kirche für die Reisenden. Weidenberg St. Stephan (mit Fotos von Elisabeth v. Pölnitz-Eisfeld) Vgl. ansonsten die allgemeine Bibliographie zu den Markgrafenkirchen, in der viele der Kirchen auch einzeln behandelt werden, am Ende des Einleitungstextes zu den Markgrafenkirchen.

Weitere Markgrafenkirchen finden Sie auf unserer Übersichtskarte