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Fachwerkhäuser aus der Markgrafenzeit

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Fachwerkhäuser in der Stadt Kulmbach

Das Kulmbacher Fachwerk ist zwar meist eher einfach und schlicht, deshalb aber nicht weniger schön anzuschauen. Dass wir kein reich mit Schnitzereien verziertes Fachwerk bieten können, liegt daran, dass die meisten dieser Häuser in einer Zeit gebaut wurden, als die Landwirtschaft den Reichtum einer Region bestimmte. Landwirtschaftlich gesehen hatten wir allerdings nicht die Masse an ertragreichen Ackerflächen. Das Maintal ist hier im Kulmbacher Land noch sehr eng. Es geht schnell hinauf auf die Höhen des Frankenwaldes, des Fränkischen Jura und östlich kommen die Ausläufer des Fichtelgebirges nahe an die Stadt Kulmbach heran. Im Maintal selbst überwogen die sumpfigen Wiesen, die erst nach der Drainage so richtig nutzbar waren. Reich verziertes Fachwerk finden wir mainabwärts, etwa ab Marktzeuln. Das breitere Maintal bot eine Fülle an landwirtschaftlich gut nutzbaren Flächen. Dennoch hat auch die Stadt Kulmbach wunderschöne Fachwerkhäuser und es lohnt, sich näher mit ihnen zu befassen.

Marktplatz, Waaggasse, Oberhacken

Blickt man vom Marktplatz in die Waaggasse, bietet sich dem Betrachter ein pittoreskes Panorama geschichtsträchtiger Fachwerkhäuser. Wie in einem Pop-up-Buch sind drei Fachwerkgiebel zu einer prächtigen Kulisse aufgereiht. In die Szenerie reihen sich der ehemalige Ratskeller und das Hotel Weißes Ross ein, nicht weniger stattliche Fachwerkbauten.

Ihren Namen hat die Waaggasse übrigens von dem rechten der drei giebelseitig zum Marktplatz stehenden Fachwerkhäuser erhalten. Über viele Jahre war dort die Stadtwaage untergebracht. Wer heute allerdings in der Waaggasse nach der alten „Viehwooch“ sucht, der wird sie dort nicht mehr finden, denn bereits im 19. Jahrhundert wurde eine neue Wiegeeinrichtung in der Güterbahnhofstraße, der heutigen Hans-Hacker-Straße, gebaut.

Der mittlere der drei Giebel ist das Geburts- und Sterbehaus des für Kulmbach bedeutenden Malers Michel Weiß, der wie kein anderer das „alte“ Kulmbach in seinen Bildern festgehalten hat. In dem Haus Oberhacken 6 erblickte der Künstler am 19. September 1867 das Licht der Welt. Sein Vater Christian Weiß war Tuchhändler und Tuchscherermeister. Nach einem Kunststudium in München kehrte er nach Kulmbach zurück und hielt seiner Heimatstadt bis zu seinem Tod am 13. April 1951 die Treue. Das Haus Oberhacken 6 hat eine sehr lange Geschichte, die sich bis 1564 zurückverfolgen lässt. Namhafte Personen lebten dort. Erwähnen möchte ich Martin Gummi, der ab 1635 dort wohnte und ein berühmter Büchsenmacher war. Seine Nachkommen haben in Kulmbach sehr viel Gutes bewirkt. So konnte etwa ein Waisenhaus gebaut werden und die Geschwister-Gummi-Stiftung betreibt heute noch weitere soziale Einrichtungen. 1834 gelangte das Haus in den Besitz der Familie Weiß. Die Tuchschererswitwe Susanna Weiß geb. Rieß erwarb das stattliche Gebäude für 1.900 Gulden von dem Bäckermeister Adam Gottlieb Weith. Dank mehrerer, sehr gelungener Renovierungen in den vergangenen Jahren, präsentiert sich das Haus in einem hervorragenden Zustand.

Auch das linke Fachwerkhaus mit der Adresse Oberhacken 2, in dem sich heute ein Reisebüro befindet, hat eine interessante Geschichte. Ende des 16. Jahrhunderts lebte hier Dr. Daniel Gutteter, ein Spross aus einer in Kulmbach bedeutenden Kaufmannsfamilie. Ihnen wird der Pörbitscher Schatz zugeschrieben, der heute eines der wichtigsten Exponate im Landschaftsmuseum Obermain ist.

Die alte markgräfliche Mang, Oberhacken 42

Am Ende des Oberhackens liegt die vor einigen Jahren liebevoll renovierte Markgräfliche Färberei und Mang. Sie hat eine sehr lange Geschichte. Bereits 1518 wurde das Gebäude von dem Mangmeister Wolf Kyssling errichtet. Er hat damit den Grundstein für eine lange Färbertradition gelegt. Das Lehenbuch verzeichnet, dass die Mang der Herrschaft Plassenburg zinsbar ist und von der Stadt weder mit Steuer noch Dienstbarkeit belegt werden darf. Natürlich wurde das Gebäude beim großen Stadtbrand im Jahr 1553 ebenfalls zerstört, aber 1560 ist das Dach der Schwarzfärber Mang bereits wieder gedeckt“, wie sich dem Häuserbuch von Richard Lenker entnehmen lässt. 1599 bewilligen der „Bürgermeister und der Rat der Stadt Kulmbach dem Färber und Mangmeister Hanssen Einwig vor der Mang ein Örtlein für ein Farbhäuslein“. Ein neuer Besitzer, der Schwarzfärber und Mangmeister Heinrich Zipfel, hat im Jahr 1606 das Anwesen übernommen und weiter ausgebaut. 1866 erwirbt schließlich Ferdinand Kaeppel aus Selb die Mang und setzt damit die lange Tradition der Färber und Mangmeister fort. 1907 wird das Haus unter seinem Sohn Fritz Kaeppel erneut aus- und umgebaut. Seine Tochter Georgine heiratet schließlich Otto Schüler und beide gründen am 05. September 1919 die Otto Schüler & Co.KG. Die zahlreichen Umbaumaßnahmen im Laufe der Jahrhunderte haben dem Haus natürlich sehr zugesetzt und insbesondere die Statik so verändert, dass sich der Giebel des vorspringenden Obergeschosses um etwa 40 Zentimeter bedenklich geneigt hatte. Keine leichte Aufgabe also für Bernd Sauermann und Sigrid Daum, die sich Ende der 1990er Jahre entschieden hatten, das Anwesen zu renovieren. Heute ist es ein Schmuckstück im idyllischen Oberhacken.

Langgasse 17

Eine traditionsreiche Metzgerei hatte ihren Sitz in einem stattlichen Fachwerkbau in der Langgasse. 1778 gegründet, musste sie im Jahr 2014 Insolvenz anmelden. Zum Glück für das Anwesen erwarb ein Kulmbacher Bauunternehmer das Haus. Es war über mehr als vier Jahrhunderte Sitz von Handwerkern und Händlern. Schmiede, Tuchscherer, Riemenschneider und Glaser gaben den Besitz an diesem stadtbildprägenden Fachwerkhaus von Hand zu Hand weiter. Zwei typische Schmuckformen des Fachwerkbaues prägen die Fassade. In der unteren Reihe findet sich das geschweifte Andreaskreuz mit Nasen, darüber der „Mann“, der teilweise auch als „Wilder Mann“ bezeichnet wird. Es wurde im vergangenen Jahr saniert und heute befindet sich der „Weltladen“ darin.

Holzmarkt 10

Dass moderne Verkaufsflächen auch entstehen können, ohne dass alte Bausubstanz zerstört werden muss, zeigt das Anwesen Holzmarkt 10. Es ist sicherlich eines der stattlichsten Fachwerkhäuser Kulmbachs. Das Riegelfachwerk weist überraschend häufig die Form des „Wilden Mannes“ auf. Der Holzmarkt ist einer der idyllischsten und geschichtsträchtigsten Plätze der Kulmbacher Innenstadt. Hier steht nicht nur der reich verzierte Zinsfelderbrunnen, ein Kunstwerk des Steinbildhauers Hans Werner Schlehendorn aus dem Jahr 1660 (Mehr zu diesem Brunnen finden Sie hier). Hier war es auch, wo zum ersten Mal in Kulmbach das Bierbrauen nachgewiesen werden konnte. Im „Mönchshof“, einem um 1340 gestifteten Augustinerkloster, brauten die Mönche ein hervorragendes Bier. Sie scheinen es auch selber gerne getrunken zu haben, denn sie sollen gelegentlich zu betrunken gewesen sein, um einen Gottesdienst halten zu können. Auf dem Platz des beim großen Stadtbrand am 26. November 1553 zerstörten Klosters befindet sich heute ein Geldinstitut.

Es zeugt von denkmalpflegerischer Weitsicht, dass das Haus Holzmarkt 10 nicht das gleiche Schicksal teilen musste, wie die Stadtschänke schräg gegenüber. Fachwerk ist zwar wunderschön anzuschauen, aber natürlich auch im Unterhalt teuer. So wurde das Fachwerk der Stadtschänke einfach überputzt. Im Gegensatz dazu hat Andreas Schütz, ein Metzgermeister aus Wartenfels im Frankenwald, sein 1985 erworbenes Anwesen denkmalgerecht saniert. Balken für Balken wurde abgetragen, nummeriert und anschließend wieder aufgestellt. Holzmarkt 10 ist heute sicherlich eines der schönsten Fachwerkhäuser Kulmbachs.

Spitalgasse

Ein Blick in die Spitalgasse zeigt, dass Kulmbach doch eine stattliche Zahl an historischen Fachwerkbauten besitzt. Gleich an der Ecke zur Oberen Stadt begrüßt uns das Café Roberts. In dem gegenüberliegenden Haus, heute ein Telefonladen, war früher das Kaufhaus „Straßburger“. Gegenüber der Spitalkirche finden sich weitere interessante Fachwerkhäuser. In der Spitalgasse 8, heute eine Spielothek befand sich früher das Delikatessengeschäft Wunder.

Besonders hervorzuheben ist das Haus Spitalgasse 12. Das schöne Fachwerk ist zwar im oberen Teil hinter Schiefer verborgen, dennoch ist es außergewöhnlich. „Geduld überwindet alles – Anno Pacis 1649“ –so verkündigt uns ein Hausstein über dem Eingangstor. Welche Freude mag der Bauherr Johann Frisch, der Richter am Langheimischen Amtshof in Kulmbach war, damals empfunden haben. 30 Jahre Krieg, Morden, Plündern und Brandschatzen waren vorüber und ein Jahr nach Ende dieses verheerenden Glaubenskrieges stellten sich wieder Ruhe und Wachstum in Kulmbach ein und er konnte sich ein stattliches Haus bauen.

Vom Rentamtsgässchen aus, zu dem man von der Spitalgasse aus am Weißen Turm vorbei gelangt, kann man einen Blick in das hinter dem Haus befindliche, wunderschön angelegte Gärtchen werfen.

Die alte Lateinschule

In einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1393 wird von dem „ersten Schulmeister“ in Kulmbach berichtet, der der neben der St. Petrikirche gelegenen Lateinschule vorsteht. Im Bundeständischen Krieg brennt auch dieses Haus am 26. November 1553 nieder – dem schwärzesten Tag der Kulmbacher Stadtgeschichte. Von etwa 1556 bis 1567 wird provisorisch Unterricht in der Brandruine erteilt.

Der berühmteste Schüler war sicherlich Friedrich Taubmann (geb. 15. Mai 1565 in Wonsees, gest. am 24. März 1613 in Wittenberg). Nachdem Taubmann sehr früh beide Eltern verloren hatte, wurde er als Alumnus, als so genannter „Bettelschüler“ an der Lateinschule aufgenommen. Er soll ein sehr selbstbewusster und wissbegieriger Schüler gewesen sein. Er konnte sich später an der namhaften Universität in Wittenberg immatrikulieren und als Magister erhielt er 1595 dort einen Lehrstuhl für Poesie.

Als unter Markgraf Christian im Jahr 1604 die Regierung von Kulmbach nach Bayreuth verlegt wird, verliert die Lateinschule etwas an Bedeutung. Im Jahr 1882 zieht die Kantorei dort ein. Das Haus gehört noch heute der evangelischen Kirchenverwaltung von St. Petri.

Die Lateinschule war der Vorläufer des heutigen Markgraf-Georg-Friedrich Gymnasiums.

Bei der mittleren Farbaufnahme handelt es sich um ein Glasdia, das ursprünglich in Schwarzweiß-Technik aufgenommen wurde und mit Eiweißlasurfarben coloriert wurde. Es dürfte aus den 1920er Jahren stammen. Historisches Foto Hermann Müller-Archiv. Das dritte Foto stammt von Gerhard Trausch.

Text: Hermann Müller
Fotos:Die aktuellen Fotos, soweit nicht anders vermerkt, von Hermann Müller. Die übrigen historischen Aufnahmen stammen aus dem Stadtarchiv Kulmbach.

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