ENTDECKE
MARKGRAFENKIRCHEN

Bayreuth Stiftskirche –
St. Georgen
Diese 2. Markgrafenkirche in St. Georgen ist ein verstecktes Rokoko-Kleinod am Übergang von der Brandenburger Straße zur historischen Häuserzeile. Bei einer Georgs-Kirchweih mit Markgraf Georg Wilhelm (1678/1712-1726) entstand die Stifts-Idee für 8-9 arme alte Bürger. Der Ordensritter Georg Christoph von Gravenreuth war Hofkavalier des Markgrafen und seit 1709 Ordensritter des hiesigen fürstlichen Ordens de la Sincérité, wo man Aufrichtigkeit übte. 1735 vermachte er seinen Besitz (in der Pfalz und im Marktredwitzer Raum) diesem Zweck, einem Spital mit Hauskirche. Als er ein Jahr später stirbt, sind die Erben über dieses Testament nicht erfreut, der Streit zieht sich hin. Aber bis heute erinnern verschiedene Inschriften an sein Vermächtnis: „ . . . Was Herr von Gravenreuth aus Lieb zum Nächsten that, erwirbt ihm einen Ruhm, der wohl kein Ende hat.“ *
1741-44 aber wird das von Gravenreuthsche Stift endlich gebaut, unter Markgraf Friedrich (1711/1735-1763). Zustiftungen bis 1825 halfen, die Idee am Leben zu erhalten. Die Hofarchitekten Johann Friedrich Grael (Pläne) und Johann Georg Weiss (Ausführung) schufen den Bau – ein von außen eher unauffälliges zweistöckiges Gebäude mit Mansard-Dach und markantem Dachtürmchen. In der Häuserfront verborgen, springt die Stiftskirche zwischen den mächtigen Stiftsgebäuden beiderseits risalitartig vor, eingerahmt von kräftigen Rustika-Pilastern. Innen bietet der hohe Kirchenraum mit seinen säulengestützten umlaufenden Doppelemporen und Blick auf den farbenprächtigen Kanzel-Orgel-Altar Platz für immerhin 250 Personen, die sich hier geborgen und „bei Gott zu Hause“ fühlen sollen. 1970-1971 wurde die Kirche restauriert.
1748 bekommt das Stift sogar einen eigenen Pfarrer, der als Stiftsprediger seine Wohnung im Stift hat und dem Prediger der benachbarten Ordenskirche als Diakon beigegeben ist. „Hochfürstlicher Brandenburgischer wohlverordneter Stiftsprediger und Diaconus bei der allhiesigen Ordenskirche“ darf er sich nennen. Bekannt wurde später Johann Christoph Ulmer, der 1782-1787 dieses Amt innehatte und ab 1784 auch für die Seelsorge in der Irrenanstalt (im sogenannten Prinzessinnen-Haus) zuständig war. Er wurde später Pfarrer in Nemmersdorf und hat uns von dort eine umfängliche Ortschronik hinterlassen.

Info-Box
Stiftskirche
St. Georgen 3
95448 Bayreuth
Gottesdienst am Sonntag um 8:00 Uhr
Im Winter um 9:30 Uhr. Die Kirche ist nach dem Gottesdienst bis 11:00 Uhr geöffnet, und zwar ab dem zweiten Sonntag im März bis zum 4. Advent.
Außerhalb dieser Zeiten auf Anfrage:
Evang.-Luth. Pfarramt Bayreuth-St. Georgen
0921 871105-11
pfarramt@ordenskirche.de www.ordenskirche.de
oder bei Familie Jehnes, St. Georgen 1, Tel. 0921-27167.
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Auch hier haben wir es – wie in der früheren Ordenskirche – mit einem hohen Kanzel-Orgel-Altar zu tun. Lebendiger Lobpreis und Wortverkündigung ergänzen somit die beiden klassischen Sakramente Taufe und Abendmahl. Der zweisäulige Holzaufbau, grau marmoriert, mit Schalldeckel und Draperie, Volutenkrone und Stifterwappen, stammt vom Bildhauer Johann Jeremias Martini (1710-1760) aus Bayreuth, der auch als Spezialist für Trophäen auf Brunnen, an der Mainkaserne und Toreinfahrten gefragt war.
2 glatte durchgehende toskanische Säulen sind Träger der oberen Empore, 2 glatte korinthische Säulen (auf Sockel) sind Träger des Gebälks. Über dem Schalldeckel befindet sich eine halbplastische allegorische Darstellung eines Pelikans, der seine Brut mit eigenem Blut füttert – wie Jesus, der sein Blut am Kreuz für uns vergoss.
Von den 4 Evangelisten stehen Markus (mit Löwe) und Johannes (mit Adler) als hölzerne lebensgroße Schnitzfiguren rechts und links zwischen den Altarsäulen. Weiter oben, im Giebelgebälk und etwas kleiner, flankieren Matthäus (mit Engel) und Markus (mit Stier) – beide sitzend – das Lamm Gottes mit der Siegesfahne in seiner Strahlenglorie. Alle 4 Evangelisten halten das Evangelium in der Hand und weisen auf jeweils eine zentrale Bibelstelle hin. Der dreiteilige Orgelprospekt hat sich nicht erhalten und wurde durch einen modernen ersetzt.
Marcus mit Löwe


Matthäus mit Engel

Lukas mit Stier
Johannes mit Adler

Über dem Kanzel-Orgel-Altar entdecken wir das Bayreuther Rokoko im Stuck von Francesco Jeromino Andrioli (1700–1757), der – wie im Musikzimmer der Eremitage – Rocaillewerk und Blumen streut, dazwischen aber Kinder- und Hofdamen-Engel. Er gehörte zu den katholischen Künstlern von europäischem Format, die das Markgrafenpaar nach Bayreuth holte, stammte aus Muzzano bei Lugano und hatte zuvor im Kloster Ottobeuren und in der Würzburger Residenz gewirkt. In den Markgrafenkirchen von Benk und Trebgast hatte er kurz zuvor bzw. fast zeitgleich ebenfalls den Deckenstuck geschaffen, auch dort mit den so besonderen Hofdamen-Engeln und auch hier, so darf vermutet werden, einem Stuckmodel von Markgräfin Wilhelmine.
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Das reiche Stuck-Gitterwerk, die verstreuten Blumen und die Engelköpfchen umrahmen auch die Deckengemälde von Friedrich Marian Herold, 1743 und 1744 geschaffen. Das große ovale Mittelbild stellt die Geburt Jesu und die Anbetung der Hirten dar. An den Seiten entdecken wir die Anbetung der Könige, Jesus im Tempel, die Taufe Christi im Jordan und die Ölbergszene als Themen. In den Eckgemälden ergänzen die Kreuzigungsgruppe, die Grablegung, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu das Programm. Herold, „Kammerdiener und Hofmahler“, schuf im gleichen Zeitraum auch das Deckengemälde in der Spitalkirche, etliche Zeit später u.a. auch das in der Markgrafenkirche von Nemmersdorf.
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Literaturhinweise
-In der benachbarten (und tagsüber offenen, sehenswerten) Ordenskirche ist eine sehr informative und reich bebilderte Broschüre von Karl Müssel: Die Ordenskirche Bayreuth-St. Georgen in der Markgrafenzeit günstig zu erwerben, die auch Informationen zur Geschichte der Stiftskirche in St. Georgen enthält.
–Wilhelm Kneule widmet in Bd. II seiner Kirchengeschichte der Stadt Bayreuth von 1971 die Seiten 135-147 St. Georgen.
-Zu empfehlen ist immer noch der Beitrag von Günter Kruse zum Gravenreuther Stift im Festschriftband von Norbert Aas (Hg): Adel, Bürger, arme Leute. 300 Jahre Ordenskirche Bayreuth-St. Georgen. Bumerang Verlag 2011
–Helmut Haas entziffert vor allem die Inschriften in seinem Artikel „Bayreuther Kirchen und Kapellen“ in Archiv für Oberfranken Bd. 2015.

Ölgemälde des Stifters Georg Christoph von Gravenreuth
(in der Kirche)
a) Die Inschrift über dem Stiftseingang bezieht sich auf das Gründungsdatum 1736: „Von Gravenreuthisches/ Stift/ entstanden den 30. April 1736/ Das Gedächtnis der Gerechten/ bleibt im Segen/ Spruchw. Cap. 10 v 7.“
b) Die Wappen-Inschrift von 1742 im Dreiecksgiebel über dem Portal feiert das Ende der Bauzeit: „Bey/ GOTTES Vatter-Huld/ und/ FRIEDRICHS Gnaden Blicken/ Ist dieser Stifftungs Bau zu solchen Stand gebracht/ Wann nun des HÖCHSTEN AUG DAROB MIT Aufsicht wacht/ wird dieses Stifft sofort des Seegens Loos beglücken/ Was Herr von Gravenreuth aus Lieb zum Nächsten that/ erwirbt ihm einen Ruhm der wohl kein Ende hat/ DEN 16.OCTOBER ANNO 1742.“
c) Auf die Einweihung 1744, als auch die Innenausstattung beendet war, bezieht sich die Wappeninschrift an der Tür zum Hof links neben dem Altar, wo früher die Bewohner ihren bequemen Zugang hatten, wenn sie zwei Mal täglich zum Gebet in die Kirche kamen. Sie war ursprünglich über der Kanzel angebracht: „Diese Kirchen und Spitahl Haus hat gestiftet Herr/ Georg Christoph von Gravenreuth auf Calmreuth in Sulzbachl 1744.“
Zu a) Foto: Franz Simon Meyer
Zu b) Foto: Karla Fohrbeck























