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MARKGRÄFLICHE  PRACHTBAUTEN

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Bayreuth – Opernstraße 14
Markgräfliches Opernhaus

2012 wurde das Markgräfliche Opernhaus in die UNESCO Welterbe-Liste aufgenommen. Die damit gestiegene Aufmerksamkeit und Wertschätzung sowie die anschließende  aufwendige Restaurierung und Wiedereröffnung des Barocktheaters 2018 durch die Bayerische Schlösserverwaltung waren u.a. Anlass für die Einrichtung dieser Webseite www.markgrafenkultur.de mit dem Ziel, auch auf die umliegenden Schätze aus dieser kulturell reichen Barockzeit in Stadt und Umland aufmerksam zu machen. Dem Opernhaus, dem damaligen Theaterleben sowie Markgräfin Wilhelmine und ihren Hofkünstlern sind daher mehrere Einträge gewidmet. Wir konzentrieren uns hier auf die äußere Baugeschichte und die Fassade des Opernhauses, also auf den Blickwinkel, den man als Tourist und Spaziergänger wahrnimmt, bevor man sich von dem märchenhaften „Weltinnenraum“ überraschen lässt. Es mögen daher einige wenige Erinnerungsdaten als Basiswissen genügen.

Man sieht nur, was man weiß . . .

Auf dem Grundstück standen 1621 – 1632 schon die Alte Münz und vor dem Bau des Opernhauses drei Privathäuser, und zwar vom Färber Georg Friedrich Escher und von den Besitzern Cleeman und Seligmann. Auf dem (nebenstehenden) Riediger-Plan von 1745 sind diese Gebäude alle schon aufgekauft bzw. abgerissen und das Grundstück zwischen Redoute und dem späteren Sparkassengebäude wirkt unbebaut und präpariert für den Neubau des Opernhauses. Der dreigeschossige Fassadentrakt aus Sandsteinquadern wurde 1746-50 von Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre (1709-1754) geplant und erbaut, war also bis zu den Einweihungs- und Hochzeitsfeierlichkeiten 1748 außen noch nicht ganz fertiggestellt. Auf diesen konzentrieren wir uns hier.

Wie ungewöhnlich tief der Bühnentrakt mit einst 72 m und der nur etwas kleinere Zuschauerraum sich dahinter erstrecken, überwölbt von einem einzigen riesigen Mansarddach, lässt sich von der Straßenseite her kaum erahnen. Der bescheidene Fassadenvorbau hat ein eigenes Pultdach, drei Rundbogenportale (die ins Foyer führen) und einen prunkvollen korinthischen Säulenportikus mit einem vorschwingenden Balkon, der es der jeweiligen Prominenz erlaubt(e), sich kurz zu präsentieren. Aber anders als bei anderen Barocktheatern steht dieses nicht frei auf einem Platz, sondern ist in die Straßenflucht eingebunden, ja sogar etwa zurückgesetzt. Und so fällt auch die klassizistische Schauseite nicht besonders auf, wenn man es eben nicht wüsste und wenn man den Blick nicht zufällig einmal hebt bis zur Dach-Balustrade mit den Steinfiguren . . .

. . . Athena, Apoll
und die Musen der 6 Künste

Die 8 allegorischen Figuren werden in der Ausführung „Hofcabinetbildhauer“ Johann Georg Ziegler zugeschrieben. Da sie auf oberitalienische Vorbilder zurückgehen und sich in ähnlicher Weise auch auf der (etwas späteren) Dach-Balustrade des Neuen Schlosses bewundern lassen, ist anzunehmen, dass Architekt Saint-Pierre die Vorgaben machte – in Abstimmung mit der Bauherrin, Markgräfin WilhelmineAuf den Sandstein-Sockeln erkennen wir jedenfalls links und rechts die beiden griechischen Götter Athena (Göttin der Weisheit und Schirmherrin der Künste und Wissenschaften) und Apollo (den Licht-Gott, Musenführer und Gott der Musik).

Sind es wieder einmal Allegorien für das Markgrafenpaar?

Athena erkennt man sonst stets am Schild mit dem abschreckenden Gorgonen- oder Medusa-Haupt, hier auch, meist aber in kompletter Rüstung, hier eher weiblich kokett mit hübschen Brüsten und anmutiger Kopfhaltung, Locken und Helmzier.

Apollo, der sich auch auf dem Deckengemälde im Inneren des Opernhauses als Musenführer offenbart, wird wie üblich mit dem Lorbeerkranz auf den Locken und der Lyra in der Hand charakterisiert – aber so präsentierte sich auch der Markgraf auf manchem Kostüm- und Geburtstagsfest.

Etwas schwerer tun wir uns mit der Typisierung der 6 Musen. Den aktuellen Fotos und den klassischen Attributen nach zu urteilen, stehen sie in folgender Reihe zwischen den Göttern:

(1) Thalia (Komödie, Lustspiel-Dichtung) – hier mit Schriftblatt in der Hand (andernorts auch mit Schäferstab und Maske)

(2)  Polyhymnia (Hymnen, Gesang & Lyrik, auch Libretto, Pantomime und Erzählkunst) – mit Buch und Laute

(3) Erato (Poesie, insbesondere Liebeslied) – mit Schriftrolle & Maske, zwei Attributen, die manchmal auch Melpomene oder Thalia zugeordnet werden

(4) Melpomene (Drama, tragische Dichtung) – hier auffallend „dramatisch“ mit Schwert und Kapuze

(5) Terpsichore (Tanzkunst) – in tänzerischer Pose, leicht geschürzt

(6) Euterpe (Tonkunst) – hier mit 2 Becken bzw. Zimbeln, sonst oft mit Flöte.

Athena und die 6 Musen Thalia, Polyhymnia, Erato, Melpomene, Terpsichore und Euterpe.

Es sind also keineswegs – wie vielleicht zu erwarten – alle 9 klassischen Musen zu bewundern. Markgraf Georg Wilhelm (1712-1726) hatte sie einst auf Apollos Parnass-Felsen in der Eremitage noch alle zusammen mit dem geflügelten Pegasus-Pferd positioniert. Und auch auf dem Deckengemälde im Inneren des Opernhauses grüßen sie alle gemeinsam das Publikum. Hier liegt die Betonung jeweils auf der Gruppe, der Einheit der Künste und Musen. Aber programmatisch wurden offensichtlich für die Opernhaus-Balustrade nur die Musen erwählt und individuell „ausstaffiert“, die für die Kunstformen auf der Bühne des Opernhauses stehen – und zwar in der Reihenfolge ihrer Bedeutung im Spielplan der Opernhaus-Intendantin, Markgräfin Wilhelmine. Nicht, dass Markgräfin Wilhelmine von den anderen Musen und ihren Domänen nichts verstanden hätte, im Gegenteil, aber Kalliope (Muse des langatmigen Epos), Klio (Muse der Geschichte) und Urania (Muse der Astronomie) machten hier einfach wenig Sinn. Die auf den Fotos sichtbare Reihenfolge ist übrigens gleichermaßen auf dem Opernhaus-Stich von Heinrich Stelzer 1860 und auf einem Kriegsfoto von 1940 auszumachen.

Im Laufe der Zeit wurden einige Originale vor zunehmender Verwitterung gerettet und einige der mittleren Figuren sind Kopien. Die Originale von Athena und Thalia (nicht: Melpomene!) finden Sie daher überraschend im Foyer vom Morgenländischen Bau im Park Sanspareil, einige Kopien auch im Hofgarten und eine der originalen Sandsteinfiguren soll sich im Germanischen National­museum in Nürnberg befinden.

*Eine zwischenzeitliche Umstellung der 6 Musen ist also auszuschließen, auch wenn Kurt Merten in seiner Forschungsarbeit über den Bayreuther Hofarchitekten Joseph Saint-Pierre (im Archiv für Oberfranken, Band 1964, S. 51) eine etwas andere Reihenfolge zitiert, wobei (1) Thalia, (3) Erato und (6) Euterpe identischen Rang einnehmen, Melpomene jedoch auf Musen-Sockel (2), Terpsichore auf (4) und Polyhymnia auf (5) platziert erscheinen. Da er sich diesem Programm aber ohnehin weiter nicht widmet, ist anzunehmen, dass er einfach eine traditionelle Musenfolge zitiert, uns also kein wirkliches „Forschungsrätsel“ aufgibt.

Text & Fotos: Dr. Karla Fohrbeck

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