
Kann Materie denken?
GLAUBE & RATIO IN DER BAROCKEN MARKGRAFENKULTUR
Kultur als Wirtschafts- und Außenpolitik
Bayreuth darf stolz sein auf Europas schönstes Barock-Opernhaus, das Dank des Weitblicks der Bayerischen Schlösserverwaltung in München jetzt zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und 2018 in „der Stadt der Festspiele“ frisch renoviert wiedereröffnet wurde. Die Bedenken von pietistischer oder orthodoxer Geistlichkeit gegen die Vorlieben des europäisch orientierten Markgräflichen Hofes für Musik und Theater, Philosophie und Wissenschaft, Aufklärung und Architektur, Gartenkunst und Feste sind dahin, jetzt, wo Einheimische und Touristen die Früchte dieser Zeit in einem Arkadien von Schlossparks, Wasserspielen, Thermen und Festsälen (mit)genießen dürfen. Auch die Vorhaltungen sparsamer Zwischen-Markgrafen, die auf die Sanierung des Staatshaushaltes zu achten hatten und ihren Nachkommen eher „ein geruhiges, stilles, ehrbares und christliches Leben“ anempfahlen, sind heute, wo es zum Tagesgeschäft gehört, Kultur (und nicht nur diese) mit Staatsschulden zu finanzieren, längst vergessen. Kulturpolitik ist Image- und Wirtschaftspolitik, da wird nüchtern kalkuliert, ob mit Blick auf die Bauwirtschaft oder auf zu erwartende Touristenströme.
Kultur als Friedenspolitik – Glaube und Ratio . . .
sind im 18. Jahrhundert zwar durch die Personalunion von politischer und geistlicher Obrigkeit in der Figur des jeweiligen Markgrafen „von Gottes Gnaden“ (noch) vereint, aber der höfische Geist beginnt sich doch mehr und mehr von den Zwängen des einfachen Denkens und der „billigen Gnade“ zu befreien. Auf der Basis durchaus profunden Bibelwissens, aber auch mythologischer und historischer Spiegelungen und Bühnen-Spiele, wissenschaftlicher Neugier und Universitätsstandards wächst die Freude am „Erkenne dich selbst“, an größeren Welten, an überkonfessioneller Toleranz, aber auch der Wille zur Selbstverantwortung. Der „äußere Adel“ verliert zunehmend an politischer Autorität, innerer Adel“ und Wertegemeinschaften in einem „Orden de la sincérité“ – zu deutsch „Aufrichtigkeit“ (Markgraf Georg Wilhelm Anfang des Jh.) oder in den späteren Freimaurerlogen (Markgraf Friedrich, Gemahl der preußischen Königstochter Wilhelmine) sollen den Weg von der „Dunkelheit“ bitterer, religiös und politisch zerstrittener
Jahrhunderte zum „Licht“ und zur Vorform einer demokratisch verfassten und später bürgerlichen Friedensgesellschaft bahnen helfen. Handwerkliche Zunftmuster (Lehrling, Geselle, Meister) und Ritterliche Tugendlehren liefern die Ritualmuster für den Weg zum „neuen Menschen“ und der Utopie einer pluralen idealen Gesellschaft von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Die damaligen Symbolwelten und „geheimen“ Initiationsriten (über die es ausreichend „verräterische“ Aufklärung, Parodien und Publizistik gab) sind bis heute ein rotes Tuch für Viele, die an diesem Prozess nicht teilnahmen und daher dessen rasche Säkularisierung und Einmündung der Grundwerte in Staatsverfassungen und Freiheitsbewegungen, aber auch in gesellschaftlich-politische Service-Clubs und Vereine kaum verfolgten.
Kann Materie denken? Ist sie teilbar? – Markgräfin Wilhelmine als Avantgarde-Philosophin
Wie modern (und spekulativ) gedacht werden durfte, demonstrieren die beiden wagemutigen Thesen, die Markgräfin Wilhelmine am 4. November 1743 zur Gründungsveranstaltung der Universität Erlangen den beiden zum geistigen Duell angetretenen Professoren vorlegte:
– „Es ist nicht unvorstellbar. dass eine Materie denken kann“ und
– „Es ist nicht schlechterdings notwendig, dass die zusammengesetzten Dinge aus Einheiten bestehen müssen“.
Ihr Bruder Friedrich II. mokierte sich über seine von Leibnitz’ Monadenlehre beeinflusste Schwester und diesen Disput über „die Teilbarkeit der Materie“, setzte ihr aber doch später bewundernd im Freundschaftstempel von Sanscoussi in Potsdam 1772/73 ein Denkmal als „römische Philosophin“ (die Bronzekopie findet sich am Schlossberglein in Bayreuth), während die Erlanger Professoren ihr den Beinamen einer griechischen „Pallas Athene“ gönnten, allerdings aufs provinzielle Bayreuther Revier begrenzt.
Die erste Pfarrerin – für Markgräfin Wilhelmine zwar noch Utopie . . .
Ab Mitte des 18. Jh. musste, wer im protestantischen Markgraftum Bayreuth-Kulmbach Pfarrer werden wollte, an der frisch gegründeten Erlanger Universität studieren und vom Zeitgeist der Aufklärung „profitieren“. Aber Pfarrerinnen? – damals undenkbar. Nicht jedoch für Markgräfin Wilhelmine:
„Es ist auch nicht schlechterdings undenkbar, dass es einst Pfarrerinnen geben könnte“, hätte eine ihrer anderen Thesen sein können. Denn in der Schlosskirche derer von Aufsess gibt ihr Lieblings-Stukkateur Andrioli 1742 dieser Utopie konkrete und äußerst anmutige Gestalt – Pfarrerin mit Beffchen!
Von wem wohl bekam er diese ausgefallene Idee? Offenbar gehörte derlei freies Denken zu den „Lustbarkeiten“ am Hofe, die man sich nicht nur mit den je speziellen Hofpredigern „auf theologisch-philosophischer Augenhöhe“ gönnte, sondern ebenso innerhalb der Hofgesellschaft und Künstlerschaft. Auch die Spekulationen über ein (erhofftes) individualisiertes Auferstehungsleben nach dem Tode schwankten „schlechterdings nicht undenkbar“, zwischen Humor und Übermut, aber auch Sehnsucht und tiefem Ernst – wovon Deckenfigurationen und Deckengemälde, aber auch Kanzel- und Logenfiguren etlicher Kirchen aus der Markgrafenzeit des Barock zeugen, bis ins späte 18.Jh.
Aber versteckt in einer Markgrafenkirche
Die rege Kirchenbaukultur des markgräflichen Hofes, des regionalen Adels und der oft sehr alten Pfarreien, die im Wettbewerb eine Vielfalt schönster Kirchen „im Markgrafenstil“ im Umland entstehen ließ, zeugt von dieser produktiven Spannung und der schöpferischen Ökumene der damaligen „Moderne“, nicht nur im Gegenüber von „Kanzel-Prediger“ und geistlich-feudaler Obrigkeit in den Adelslogen hoch über der sitzenden Gemeinde. Im gesamten Bildprogramm dieses ästhetisch so ausgewogenen protestantischen Barock ist der geheime Dialog von Glaube und Geist zu entdecken, von Wissen und Bewusstsein, Erzählung und Erkenntnis – bis am Ende des 18. Jh. die „Verinnerlichung“ so weit fortgeschritten ist, dass es kaum noch der Bilder bedarf und sowohl die Christusbotschaft der Mensch gewordenen göttlichen Liebe als Sieg über den Tod, der individuelle Erlösungsweg wie die Dreifaltigkeitslehre auf der Basis von Altem und Neuem Testament mit wenigen Symbolen, Figuren und Strukturen auskommen.
Arkadienweg
Der Jean-Paul-Weg verbindet in seinem südlichen Verlauf um Bayreuth herum zugleich auch die wichtigsten vier Markgrafenschlösser und Parks, die heute von der Schloss-und Gartenverwaltung Bayreuth-Eremitage verwaltet werden. Dazu gehören die Eremitage, der Hofgarten in Bayreuth, die Fantaisie in Eckersdorf und Sanspareil bei Wonsees. Der Arkadien-Charakter dieser Region inspirierte bereits die musische Markgräfin Wilhelmine in der ausgehenden Barockzeit und später nicht nur Jean Paul und Richard und Cosima Wagner ganz besonders. Auch die heutigen Kulturtouristen werden vom idyllischen Reiz dieser verzauberten Kulturlandschaft berührt.
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Text & Fotos: Dr. Karla Fohrbeck









