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barocke Prachtbauten & -Strassen

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ST. GEORGEN:  ZUCHTHAUS . . .
MIT MARMOR- & SPIELKARTEN-FABRIK

Der Zuchthausbau in der Markgrafenallee 49 in Bayreuth wurde 1713 von MG Georg Wilhelm beschlossen und ab 1724 als markgräfliches Zuchtund Arbeitshaus erbaut. Das Bauvorhaben stockte zwar, auch aus finanziellen Gründen, wurde aber vom Vetter und Nachfolger MG Georg Friedrich Karl fortgesetzt und 1735 vollendet. MG Friedrich verlieh der erfolgreichen Marmorfabrik der Strafgefangenen schon 1736 weitere Privilegien und verhalf ihr zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte. MG Friedrich Christian setzte diese Politik fort. MG Alexander hob ab 1769 die bis dahin teilweise grausame Folter auf. In dieser Zeit wurde auch eine Brillen- und eine Spielkarten-Manufaktur angegliedert. In der Zeit der Königlich-Preußischen Verwaltung ab 1792 achtete man mehr auf menschenwürdige „Strafpädagogik“ und Therapie.

. . .  heute Teil der JVA Bayreuth St. Georgen

Das ehemalige markgräfliche Zucht- und Arbeitshaus gehört heute als Hauptstelle (Anstalt I) zur Justizvollzugsanstalt Bayreuth-St. Georgen (JVA), der drittgrößten in Bayern nach München und Nürnberg. Die historischen Gebäudeteile sind nach wie vor in Betrieb, bilden aber nur einen Teil der Gesamtanlage. Die Luftaufnahme (von Westen her) erlaubt einen Blick ins Innere der von hohen Mauern umgebenen riesigen Anlage (Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. 2007. S. 266).

Das einstige barocke Ordensschloss in der angrenzenden Bernecker Straße dient mit Untersuchungsgefängnis und Verwaltungstrakt als Nebenstelle (Anstalt II). Der Große Saal dort wird nach wie vor für die sonntäglichen Gottesdienste der Gefangenen (aller 3 Anstalten) genutzt. Die Infrastruktur wird in der Markgrafenallee durch die Gefängnisgärtnerei ergänzt, an der Hohen Warte durch ausgedehnte Baumschulpflanzungen und – als Nebensitz mit landwirtschaftlichem Musterbetrieb – durch das einstige Schloss in St. Johannis (Anstalt III). Öffentliche Führungen werden derzeit nicht angeboten.

Markgraf Georg Wilhelm (1678/1712-1726)

eröffnete 1713, im 2. Regierungsjahr, am jährlichen Landtag den Landständen seinen Entschluss, ein Zuchthaus erbauen zu lassen. Er hoffte damit die öffentliche Sicherheit im Markgraftum wieder herstellen zu können. Die Ausführung verzögerte sich aber durch den Krieg am Rhein und andere Hindernisse. Erst 1724 konnte man den Platz kaufen und mit dem imposanten Bau für etwa 200 Gefangene beginnen. Die Bauarbeiten selbst wurden zum großen Teil von Häftlingen ausgeführt. Hofbaumeister Johann David Räntz (1690-1735) hatte die Bauleitung. 1725/26 konnten dann die ersten „Züchtlinge“ aufgenommen werden.

Für die Finanzierung kamen „die hochlöbliche Landschaft“ sowie das markgräfliche Oberforstamt (das Bauholz), die Gotteshäuser und Hospitäler des Markgraftums auf. Es wurden Sondersteuern erhoben, Bettelbriefe versandt und das Konsistorium sowie die Universität Wittenberg (Gutachten) in dieses „Gott wohlgefällige“ Reformprojekt eines Zucht- und Arbeitshauses einbezogen. Um den Unterhalt zu finanzieren wurden eine General-Collecte und eine Lotterie veranstaltet. Da letztere aber manchen Einwohner süchtig und unglücklich machte, bald wieder eingestellt. Der Landtag stellte 4000 Gulden bereit.

MG Georg Friedrich Karl (1688/1726-1735)

konnte die imposante Anstalt aus glatten Sandstein-Quadersteinen – nach längeren Unterbrechungen – erst 1735 fertigstellen, denn die Finanzierung der letztlich benötigten 18.000 Gulden ließ auf sich warten. Der Komplex umfasste das Vorderhaus mit den zwei Seitengebäuden (für die männlichen bzw. weiblichen Gefangenen), den Hof mit Brunnen und die Anstaltskirche im Hintergebäude. Die weiblichen Insassen arbeiteten in einer kleinen Baumwoll-Spinnerei. Die männlichen Sträflinge wurden in der angegliederten Marmorfabrik ausgebildet und beschäftigt. Der Ertrag half bald, den Unterhalt der Anstalt zu finanzieren.

Der 1. Zuchthausverwalter Tropp machte selber dazu 1732 den Vorschlag, 1734 wurde dieser vom Markgraf akzeptiert und verwirklicht. Es gab 2 Maschinen oder Drehwerke für Produkte wie Tabatieren, Dosen, Tassen, Spiegelrahmen Tischplatten, Grabmäler und Statuen sowie eine 3., mit der abgerundete Sargplatten und Säulen für Altäre oder Denkmäler „auf sehr leichte Art in die Runde gebracht, abgeschliffen und polirt werden können“. Auch arbeiteten Gesellen und Lehrlinge von außerhalb mit in den Werkstätten, die in den Seitengebäuden des Zuchthauses untergebracht waren.

Eine steinreiche Region . . . & ihre Marmor-Vielfalt

so betitelt die Bayerische Schlösserverwaltung Bayreuth-Eremitage (BSV) einen thematischen Sonderraum, den sie seit 2016 im frisch renovierten Morgenländischen Bau im Park Sanspareil (In Wonsees) der Marmor-Vielfalt widmet, die im markgräflichen Zucht- und Arbeitshaus St. Georgen im 18. Jh. produziert wurde. Denn die Markgrafschaft war nicht nur reich an vielfältigen Sandsteinbrüchen und –qualitäten (siehe Thema Sandsteinhäuser auf unserer Webseite), sondern vom Fichtelgebirge bis in die Fränkische Schweiz reich an Marmor- und Kalk-Vorkommen.

Wenn Gestein tief in der Erde durch hohen Druck und starke Hitze verändert wird, schmilzt es nicht, aber seine Minerale und seine Struktur formen sich völlig neu. Daraus wurden die „metamorphen“ (umgewandelten) Marmore gewonnen. Als Dekorsteine kamen polierfähige Kalksteine dazu, vor allem aus den Erdzeitaltern Jura, Karbon und Devon – reizvoll nicht nur durch die Vielfalt der Farben und Strukturen, oft auch durch die integrierten Versteinerungen von Schnecken, Insekten oder kleinen Amphibien. Auch aus dem Kambrium-Zeitalter wurde Marmor gewonnen. Alle Steine, die sich polieren ließen, nannte man Marmor. Diese Steinvielfalt wird in Sanspareil anschaulich präsentiert.

Auf dem Marmor-Krug aus Kalkstein (Region Bayreuth) sind die Versteinerungen gut zu erkennen (Historisches Museum Bayreuth).

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Marmorvielfalt & Zeitalter (BSV)
Morgenländischer Bau in Sanspareil

Tischplatte 1770 (polierfähige Kalksteine)
Morgenländischer Bau in Sanspareil

Marmorvielfalt-Musterplatten (BSV)
Morgenländischer Bau in Sanspareil

Aber „Steinbrüche und Steinverarbeitung prägten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Selbstbild und die Repräsentation des Fürstentums . . . und bis heute zeugt die prachtvolle Ausstattung der markgräflichen Schlösser vom geologischen Reichtum der Region“ (BSV-Text in Sanspareil). Und nicht nur diese! Etwa 40 verschiedene Arten von Marmor wurden in der Zuchthausfabrik hergestellt. Gefertigt wurden u.a. Altäre, Särge, Tischplatten, Pilaster, Wandleuchter, Krüge, Spiegel- und Bilderrahmen, Brettspiele, (Kanonen- & Brunnen-)Kugeln und vieles mehr. Dazu gehörten auch vasenförmige (Über)Urnen bis zu einer Höhe von 80 cm als Aschebehälter, die oberirdisch aufgestellt wurden. Unser Beispiel stammt aus dem Historischen Museum (HM) in Bayreuth. Im Marmorsaal, dem zentralen Festsaal im Alten Schloss der Eremitage sind „die Wände mit Marmor aus den markgräflichen Territorien verkleidet: die grauen Flächen mit Hofer, die roten Pilaster mit Bad Stebener Stein; für die Gesimse der Sockel wurde der unweit von Bayreuth gefundene Döhlauer Alabaster verwendet“ (BSV-Flyer).
Auch stammen fast alle Kamine dieses Alten Schlosses von den Zuchthäuslern.

Marmor-Tischplatte mit Arche Noah
Morgenländischer Bau in Sanspareil

Marmorsaal – Altes Schloss Eremitage

Marmor-Taufstein Schlosskirche Bayreuth & Marmor-Urne (1800), Kalkstein (HM)

Stuckmarmor dagegen, den wir „täuschend echt“ in nahezu allen barocken Schlössern und in den markgräflichen Kirchen (bzw. solchen im Markgrafenstil) vor allem an Altar- und Raumsäulen anfinden, war ein spezielles Handwerksgeheimnis von kunstfertigen Stuckateuren. Dazu wurde Alabaster-Gips in Leimwasser gegeben (= mit Wasser verdünnter Knochenleim) und mit Farbpigmenten versetzt – eine aufwendige Handarbeit, die heute kaum noch beherrscht wird. Mehr dazu HIER und HIER.

MG Friedrich (1711/1735-1763) & Markgräfin Wilhelmine (1709-1758)

förderten die Marmorfabrik ebenfalls und statteten sie gleich nach Amtsantritt 1736 mit besonderen Privilegien aus, so dass sie kaum Konkurrenz hatte, den Export steigern und sogar ins Ausland liefern konnte. Die Oberverwaltung hatte von da an Hofkammerrath Dornesi, der im 3. Stockwerk des Vorderhauses wohnte und über Jahrzehnte die Produktion zu hoher Qualität steigerte.

Markgräfin Wilhelmine hatte ihren Marmorsarg schon zu Lebzeiten in Auftrag gegeben. In der ebenerdigen Marmorgruft in der Schlosskirche in Bayreuth sind (unterhalb der Orgelempore) außerdem die Marmorsärge von Markgraf Friedrich (links) und der gemeinsamen Tochter Elisabeth Friederike Sophie (mittig, siehe Foto) aus der Zuchthaus-Produktion zu bewundern

Zwei weitere Zuchthaus-Manufakturen –  für Brillen & Spielkarten-Produktion

Brillengläser . . .

J. C. E. von Reiche erwähnt in seinem Bericht über Bayreuth von 1795 zwei weitere Manufakturen – jetzt unter preußischer Verwaltung, die (wie die Marmorfabrik im Zuchthaus) unter der Leitung des tüchtigen Hofkammerraths Dornesi standen, in der aber keine Züchtlinge arbeiteten. Das eine war eine kleine, aber florierende Glasschleif-Fabrik, in der vor allem Brillengläser geschliffen wurden. Christoph Rabenstein (1994) präzisiert hier, dass der Betrieb zwar immerhin den 15. Teil der Gewinne der Marmorfabrik erwirtschaftete. Aber im Grund war es eine Filiale, denn „ein Fürther Brillenfabrikant namens Schroeder lieferte alle notwendigen Materialien wie Gläser, Schüsseln, Siebe, Filz zum Polieren und Verpackungspapier, und besorgte auch den Verkauf der fertigen Ware“.

. . . und Spielkarten aus St. Georgen

Die andere, besonders erfolgreiche, war eine Spiel-Karten-Fabrik. Das Kartenspielen war inzwischen populär geworden und Eigenproduktion bot sich (bis ins 19. Jh.) an, um die Karten nicht dem Ausland abkaufen zu müssen. „Es werden in dieser Fabrik deutsche, französische und englische Spielkarten verfertigt, welche letzteren die ächt englischen im feinen Mahlen übertreffen, und daher selbst nach Amerika versendet werden. Diese Fabrik erhält sich selbst; ein Beweis, wie ausgebreitet ihr Handel seyn müsse.“ (J. C. E. von Reiche, 1795)

Franz Simon Meyer, langjähriger Stadtheimatpfleger von Bayreuth, bringt in seinem Manuskript „Bayreuth. Kunst im öffentlichen Raum vor 1800“ (Stadtarchiv Bayreuth, 2016, dort auch online) 2 Kopien von Kartenspielen als Beispiel, die zumindest einen Eindruck von der Art der Spielkarten bieten, wenn auch schon mit Bayer. Stempel aus dem 19. Jh. versehen.

Die Deutschen Spielkarten (Schafkopf) sind Kopien aus dem Archiv der JVA Bayreuth.
Die französischen Spielkarten (Skat) sind Farbkopien, die Manfred Heidenreich aus Rehau zur Verfügung stellte.

F. S. Meyer verweist dann auf Karl Sitzmann, der in Künstler und Kunsthandwerker in Oberfranken (1983) folgende Bayreuther Kartenmacher nennt: Philipp Rausch (* 1707 in Bayreuth), wahrscheinlich Lehrmeister von Johann Gottlob Oelßner (1718 Krottendorf-1783 Bayreuth) und Oelßners Schwiegersohn Johann Veit Romeder (1760 Kloster Auhausen-1804 Bayreuth). „Am Anfang war die Nachfrage auch aus dem Ausland so groß, dass die wöchentliche Produktion von 50 Dutzend Spielen nicht ausreichte. Im 19. Jahrhundert ging der Absatz stark zurück, es wurden nur mehr auf dem Land die fabrikmäßig hergestellten Spielkarten verkauft, welche die Qualität der von Oelßner selbst entworfenen, in Holz geschnittenen und gedruckten Karten nicht mehr erreichten. Die wenigen noch erhaltenen Kartenspiele aus St. Georgen sind im Eigentum von Privatleuten.“

von grausamen Strafmethoden zu „humanem strafvollzug“

Alle diese Einrichtungen überdauerten sogar das Ende des Markgraftums. Eine ausführliche Beschreibung liefert 1795 wieder J.C.E. von Reiche, selber „Officier in Königlich-Preußischen Diensten“ und um Präzision bemüht. Von Folter, Kinderarbeit und öffentlichen Schauprozessen, die es zu Beginn noch gab, berichtet er nicht mehr. Zu seiner Zeit waren 101 Gefangene im Zuchthaus St. Georgen, die zwar auch „zu regelmäßiger Arbeit angehalten werden sollten“, aber menschenfreundlicher behandelt wurden als andernorts und auch bessere Verpflegung bekamen. Es ging schon lange nicht mehr um „die anfängliche Bestimmung, nemlich: die bösen Menschen durch Einsperrung und Züchtigung der Welt unschädlich zu machen.“ Denn gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Zuchtanstalt unter preußischer Verwaltung von einer strikten Strafanstalt mehr zur Erziehungs- und Beschäftigungsanstalt für die Gefangenen. Und auch von den (wenigen) „Irren“, die im einstigen Prinzessinnenhaus gegenüber separat untergebracht wurden, konnten einige geheilt entlassen werden.

Das Prinzessinnenhaus steht im Mittelpunkt dieser Abbildung einer Schießscheibe. Ganz links am Rand davon sehen wir das Ordensschloss, rechts das Zucht- und Arbeitshaus, dazwischen im Hintergrund die Gravenreuther Stiftskirche.

Und wer es ganz genau wissen will . . .    33 vorzüglich schöne Arten Marmorsteine*

J.C.E. Reiche rühmt dann noch einmal den Erfolg und die Qualität der Marmorfabrik, macht sich die Mühe  und listet sogar noch die 33 Marmorsteinbrüche in der Region mit ihren „vorzüglich schönen“ Qualitäten auf, die selbst die besten ausländischen „an Härte, Zärtlichkeit und sanfter Farbenvermischung“ übertreffen: „Auf ihren polirten Flächen sieht man die seltensten Figuren von Wirbel- und Schrauben-Schnecken, kleinen Fischchen, Insekten, Früchten und Blättern.“ (S. 57-58 in J.C.E. von Reiche. Bayreuth. 1795)

1) Dunkel und 2) Hellgelber, von Streitberg
3) Weißgrauer, von Casendorf
4) Bläulicher, mit Schwefelkieß-Stiften, von Weydesgrün
5) Dergleichen etwas verschiedener, eben daher
6), 7) & 8) Grauer, mit grünlichen Adern, dann braunen und weißen Flecken, von Schertlas
9)  Meergrüner, von Naila
10) Schwarz und graufleckigter, von Löhmer
11) Dergleichen mit Marcasit-Blumen, eben daher
12) Fleckleins-Marmor Brecis oder Murststein, von der Ueberkehr
13) Schwarzer mit lichtem Gewölke, von Schübelhammer
14) & 15) Dergleichen dunkelschwarzer, von Schwarzenbach
16), 17) & 18) Fleischfarb und rother, von Hurtigwegen
19) Weiß schwarzscheckigter, von der hohen Straße bei Hof
20) Dergleichen etwas dunkler, von Leimitz
21) Leberfarber, von der Geigen bei Hof
22) Grauer mit rothen Dupfen, eben daher
23) Bräunlicher mit rothen Flecken, von Hof
24) Grauer, von der Geigen bei Hof
25) & 26) Dunkel und hellbrauner, von der untern Brücke bei Hof
27) Hellgrauer mit rothen Dupfen, von Eichelberg
28) & 29) Braunrother und Brauner, von Gattendorf
30) Bläulichtgrauer, von Regnitzlosau
31) Weißer, von Wunsiedel
32) & 33) Muschel-Marmor, in der Gegend von Bayreuth, mit dem die Straßen gepflastert sind, und der polirt, ein sehr schöner Marmor ist

 

* vor allem aus dem Fichtelgebirge, wobei nicht alle Ortsbezeichnungen heute noch identifizierbar sind

Text & Fotos: Dr. Karla Fohrbeck
Fotos aus dem Morgenländischen Bau in Sanspareil: Margret Rausch

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