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barocke Prachtbauten & -Strassen

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Der Stern von St. Georgen

Felsenkeller im Buntsandstein

Das Stadtzentrum von Bayreuth ist seit alters her unterkellert, die Plassenburg in Kulmbach, der Schlossberg von Neudrossenfeld . . .

Aber in St. Georgen sind die unterirdischen Felsenlabyrinthe und Katakomben aus dem Zeitraum 1702 (Gründung der barocken Planstadt) bis etwa 1770 etwas Besonderes. Sie wurden von den Hausbesitzern mühsam gegraben, sind nicht planmäßig angelegt und auch nicht „in einem Zug entstanden“. Aber Markgraf Georg Wilhelm hatte dies in seinen Privilegien den neu angesiedelten Bürgern erlaubt, allerdings mit der Anweisung: „Den Platz zum Bauen soll der Baumeister anweisen, sodann auch anzeigen, ob und wie lebendig Wasser da-selbst-hin zu leiten, ingleichen wie die Bier- und Weinkeller, der Bedürfnis nach, können gegraben werden.“  1711 verordnete er, dass Schutt & Geröll vor einigen Felsenkellern wegzuräumen sei. Das auch fälschlich als „Katakomben“ bezeichnete Labyrinth ist bisher nicht vollständig erforscht. Mindestens einmal im Jahr finden Führungen durch einen kleinen Teil des Stollensystems statt. Sie werden in der Lokalzeitung angekündigt.

(Christoph Rabenstein/Roland Werner:
St. Georgen. Bilder & Geschichten 1994)

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Nachtwächterführung für Höhlenforscher

Bis zu 8m Tiefe hat man solche Gänge gefunden, solche, die mehrere Hundert Meter lang sind und Gewölbe-Charakter haben, solche, die ganz niedrig sind, mehrstöckige Labyrinthe, geradlinig verlaufende und verzweigte. Die oben stehende Stern-Grafik macht sichtbar, wie ausgedehnt und kompliziert dieser verborgene „Maulwurfshügel“ sich entwickelt hat.

Der Sand, der beim Graben aufgeschüttet wurde, war sicher nützlich (als Bau-Sand, Feg-Sand, Schleif-Sand, Fayence- und Tonwaren-Sand, auch für die Marmorverarbeitung im Zuchthaus), aber eher Neben-, kein Hauptzweck.

HIER als Beispiel: Ein gut beleuchtetes 5-Minuten-Video zu Besuch in so einem Keller. Denn Mitte Oktober 2022 haben FLOrange, Hans und Swutz den Keller unter dem Anwesen Brandenburger Str. 5 besucht. Das Gebäude ist im Kern Im Jahr 1870 erbaut worden. Der obere Teil des Kellers wurde vom Eigentümer im Jahr 2021 saniert. Früher wurde er als Weinlager von der Firma Getränke Böhner genutzt.

Ortshistoriker Christoph Rabenstein zählt in seinem St. Georgen-Klassiker (1994), aus dem auch die Fotos von Ronald Werner stammen, folgende plausible Keller-Nutzungen auf:

= als Kanalisation, 1702 veranlasst der Markgraf-Vater Christian Ernst zu prüfen, „ob an Kellern die Nothdurfft daselbst erbaut werden könne.“ Dieser Zweck wird v.a. bei besonders schmalen und niedrigen Gängen vermutet, auch solchen mit tieferer Rinne in der Mitte.

= als Zufluchtsort in Kriegszeiten, wobei manche Gangsysteme im Kreis oder spinnenförmig verlaufen, also auch irreführen können. Im 2. Weltkrieg dienten jedenfalls die unterirdischen Gänge und Felsenkeller in ganz Bayreuth als Luftschutzbunker – die Decken hielten nicht immer stand…

= als Kühlraume, bei gleichbleibender Temperatur von 6 Grad, als es noch keine Kühlschränke gab: Aufbewahrung von Bier, Wein & Lebensmitteln sowie dem Winter-Eis zum Bierkühlen. Denn da zum Bürgerrecht in St. Georgen das Braurecht gehörte, waren Lagerung und Kühlung des „Gebräus“ sicher die wichtigste Funktion.

Keller (fast) unter jedem Haus – Überlebenswichtig & daher mit eigenen Vertragsklauseln

Fast jeder Haushalt in St. Georgen braute sein eigenes Bier im Commun-Brauhaus selbst und hatte deshalb auch Kellerbedarf, nicht nur zur Kühlung und Lagerung, sondern auch für die Endgärung des Bieres. Wie wichtig die Felsenkeller für die (Über)Lebenswirtschaft der Bewohner im 18. Jh. waren, das zeigen die Recherchen zu den speziellen Keller-Verträgen & Keller Paragraphen, die Horst Fischer, Christoph Rabenstein und auch der Stadthistoriker Franz Simon Meyer in ihren Standardwerken zur Geschichte St. Georgens gesammelt haben. Die Hausnummern beziehen sich dabei alle auf das Planstadt-Zentrum, wobei die ungeraden Zahlen – von der Brandenburger Allee aus kommend – die Häuser linker Hand, die geraden Zahlen die Häuser rechter Hand bezeichnen. Beispiele zu Kellerverträgen & Paragraphen:

Linke Hausreihe – Ortszentrum St. Georgen

(Haus Nr. 25, Vertrag 1730)
. . . verkauft das Haus samt Hintergebäude und Felsenkeller . . .
. . .  ferner die zwei Vorderteile des Felsenkellers und den in gemeinschaftlichem Gebrauch befindlichen Vorkeller, halbe Gewölbe und den darüber befindlichen halben Keller von X, dessen andere Hälfte Herrn Y . . . zusteht . . . (denn das ganze Gewölb und das Kellerstüblein ist von Herrn Y und der Verkäuferin gemeinschaftlich besessen worden) –

(Haus Nr. 23, Vertrag 1709)
. . . ferner ein Felsenkeller, außerhalb des hochfürstlichen großen Gartens, zwischen Herrn Geheimen Rats von Löwenbergs und Meister Weißens Felsenkeller gelegen, mit Vorkeller und darüber stehendem Kellerhäuslein…Weiter ein Felsenkeller zwischen des Erbprinzen und Johann Jakob Weißens Felsenkeller gelegen, hat mit letzterem das Kellerhaus und den Vorkeller zu genießen und zu erhalten –

(Haus Nr. 19, Vertrag 1709)
. . .  ferner gehört dazu ein Felsenkeller hinter dem hochfürstlichen Lustgarten, zwischen Ritter von Löwenbergs und Herrn Baron von Steins Felsenkellern, mit Vorkeller und Kellerhaus darüber –

(Haus Nr. 13, Vertrag 1709)
. . . Vom Haus an ist unter Hofraith* und Garten ein Felsenkeller gegraben –
*Hofraith/Hofreite = der von Haupthaus, Nebengebäuden, Zaun und/oder Mauer umschlossene Hofraum bzw. das so angelegte Anwesen

s.a. die Komplexe Kelleranlage hinter den Häusern Nr. 27-29

Rechte Hausreihe – Ortszentrum St. Georgen

Hier hatten nicht alle Häuser einen Keller, manche nur unter einer Haushälfte, andere dafür einen a-parten Felsenkeller

(Haus Nr. 28, Vertrag 1732)
. . . ganzes Haus nebst Garten neben der Caserne, sambt einem zugehörigen Felsenkeller

(Haus Nr. 30, Vertrag 1709)
. . . hatte wohl keinen eigenen Keller und mietete dafür einen südlich vom Hochfürstlichen Lustgarten in der Kellerstraße, wobei der dortige Vorkeller und das darauf gebaute Häuslein mit einem anderen Hausbesitzer friedlich zu erhalten und zu teilen war

(Haus Nr. 44, Vertrag 1709)
. . . unter welchem ein Keller 30 Schuh lang gegraben, darauf das Kellerhaus von 1 Gaden Höhe, darin eine kleine Darr-/=Dörr-/ und Mulz-/=Brau-/Gerechtigkeit befindlich       (Foto: Karla Fohrbeck)

Velsenkeller am südlichen Ende des Markgräflichen Lustgartens – zur Miete

Sie sind offenbar wichtig genug, denn in der Riediger Carte Spéciale von 1745 sind sie als Merkwürdigkeit eingezeichnet. Die Kellerstraße zwischen dem ehemaligen Gravenreuther Stift und der Markgrafenallee stellte damals schon die Verbindung her. Da nicht alle Häuser im Zentrum über eigene Keller verfügten (vor allem nicht auf der Seite mit den geraden Hausnummern), war dieses Angebot ein willkommener Ausgleich. Im Standardwerk St. Georgen.
Im Häuserbuch (2000) listet Horst Fischer für 1732 allein 8 Hausbesitzer auf, die keine eigenen Felsenkeller haben und also vor allem diese markgräflichen Velsenkeller anmieten.

Da in St. Georgen wegen seiner entsprechenden Privilegierung preisgünstiger gebraut werden konnte als in Bayreuth, wurde dieser Vorteil auch von Bürgern aus Bayreuth genutzt, die teilweise ebenfalls Felsenkeller in der Vorstadt besaßen oder anmieteten.

Die heutige Kellerstraße führt zwischen dem ehemaligen Gravenreuther Stift und Haus Nr. 7 an den Velsenkellern unter dem ehemaligen Hochfürstlichen Lustgarten vorbei zur Markgrafenallee – früher zum dortigen Zuchthaus. Aus den einstigen kleinen Kellerhäusern über den Kellern wurden später richtige Wohnhäuser und im 19. Jh. auch große Mietshäuser.

Das ehemalige Kellerkunstmuseum von Werner Baumann – Brandenburger Str. 36

Inzwischen nur noch Legende ist das skurrile Kellerkunstmuseum unter dem ehemaligen Kunst- und Auktionshaus Waltraud Boltz. Allround-, Performance- und Avantgardekünstler Werner Baumann, Künstlername Wo Sarazen, eröffnete diese „Grotte des Zauberers“ an seinem 67. Geburtstag = 8. August 1991. Die verzweigten Gänge und Stollen verteilten sich über mehrere unterirdische „Stockwerke“ – und da sie feucht waren, bekam das Museum auch noch das besondere Attribut „Verrottungsmuseum“, denn alle Objekte – ob aus Eisen, Papier, Holz, alle Collagen – sie widmete er der Vergänglichkeit. Inzwischen ist dieser philosophische Bayreuther Kulturpreisträger verstorben, das Auktionshaus aufgelöst und das immer noch ansehnliche Barockgebäude verkauft.

Er selber hatte das St, Georgener Felsenlabyrinth schon 1961 – da war er 37 Jahre alt – wochenlang zu erforschen versucht, „mit Seil, Hammer, Stablampe und Gummistiefeln“ und gemeinsam mit dem jungen Fotografen Helmut Lorenz. Parallele geräumige Gewölbe von 200 und 300 Metern Länge entdeckten sie, Querverbindungen, Durchlässe und versteckte Kriechgänge, ja mehrgeschossige Kellersysteme unter der Markgrafenallee und dem Zuchthaus. Die Presse verfolgte das wochenlange Abenteuer und Christoph Rabenstein & Roland Werner sorgten in ihrem Klassiker St. Georgen. Bilder und Geschichten von 1994 dafür, dass diese Pioniertat nicht in Vergessenheit geriet

Fotos: Rainer Baumann

Textredaktion: Dr. Karla Fohrbeck, 2026

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