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barocke Prachtbauten & -Strassen

St. Georgen – Brandenburger Straße

Einst Brandenburger Allee
1721 ließ MG Georg Wilhelm eine erste Allee Richtung Bayreuth pflanzen – die heutige Brandenburger Straße. Und 1722 eine zweite, die heutige Markgrafenallee, an deren Beginn er und die Markgräfin Sophia das Prinzessinnenhaus (LINK) für ihre Tochter Christiane Sophie Wilhelmine errichten ließen. Es war hier im Anschluss eine symmetrisch angelegte ähnliche Häuserzeile geplant wie an der Ordenskirche, sie wurde aber nie realisiert. Nur das markgräfliche Zuchthaus mit der Marmorfabrik und die Fayencefabrik entstanden dort noch als Einzelgebäude.
Foto: Karla Fohrbeck
1795 rühmt der damalige Officier in Königlich-Preußischen Diensten J.C.E. Reiche in seiner Bayreuth-Schilderung die Brandenburger Allee, welche nach Bayreuth führet. Sie ..ist gleich der Markgrafenallee, vom Zuchthause herkommenden, eine sehr angenehme Promenade im Sommer. Ihre breithäuptigen Nußbäume werfen weit um sich her ihre Schatten, und Bayreuth selbst zeigt sich von dieser Seite in wirklich majestätischer Pracht“.
Wir präsentieren hier im folgenden nur eine kleine Auswahl interessanter Häuser
In dem „Häuserbuch St. Georgen“ von Horst Fischer (2000) finden sich auch zu nicht mehr existierenden Häusern in der Brandenburger Straße viele spannende Rückblicke, ob mit oder ohne Felsenkeller und Stallung, Schank- bzw. Schildrecht oder gar als Glashaus, Hufschmiede oder Armenbeschäftigungsanstalt. Wir konzentrieren uns hier – vom Hauptbahnhof kommend – auf die rechte Straßenseite und hierbei auf die letzte Gebäudereihe Nr. 30-34, die (bis auf einen Neubau) noch aus dem 18. Jh. stammt:
Brandenburger Straße Nr. 30



Der zweigeschossige Sandstein-Quaderbau von 1728 mit Walmdach und flankierenden Pfeilerportalen an der Hofeinfahrt ist das erste Wohngebäude aus dem 18. Jh., das – von der Bayreuther Innenstadt kommend – auf der rechten Seite auffällt.
Dahinter gehörte ein Tagwerk Feld dazu, das zur Militär-Kaserne weiter oben gehörte und auf dessen einer Hälfte 1752 vom Landschafts- und Ratskollegium Bayreuth ein Soldatenlazarett erbaut wurde. Die andere Hälfte des Feldes wurde, so Horst Fischer im Häuserbuch St. Georgen, beim Bau des neuen Porcellain-Hauses für den Porcellain-Fabrikhof eingezogen (Besitzer siehe Hausnr. 32-34). Als die große Mainkaserne an der Bahnhofstraße in Bayreuth zum Militärzentrum der Garnison wurde, verloren in St. Georgen sowohl die Kaserne wie das Lazarett ihre Funktion und wurden verkauft. Christoph Rabenstein (1994, S.108 ff) macht den „Funktionswandel“ in Text und Aufriss anschaulich, denn „gleich neben dem alten Lazarett war die Fayencen- und Steingutfabrik untergebracht, die später zur Schmidt- bzw. Rose-Zuckerraffinerie umgewandelt wurde. Es war naheliegend, dass sich bald viele Arbeiter aus diesen Fabriken mit ihren Familien in den freigewordenen Räumen einmieteten und das Haus mit neuem Leben füllten“. Der geräumige Innenhof, das sogenannte „Rose-Höfle“ war für die Arbeiterfamilien und –kinder eine „Luxus-Zugabe“. 1945 fällt dieses Areal den Kriegs(ende)-Bomben zum Opfer.
Das Rose-Höfle im 18. Jh. & 19. Jh.

Das 1752 errichtete Militär-Lazarett, Brandenburger Str. 30

Nachbildung des „Rose-Höfla“ (von Rudolf Huttinger)
Das Wohngebäude an der Straße aber hat seine eigene Geschichte. 1795 jedenfalls wird es an den Grotten- und Brunnenmeister in der Eremitage Jakob Pfeiffer und dessen Stiefsohn Johann Walter, Zimmermeister, weiterverkauft. Die Mieter wechseln. Aber ab Mitte des 18. Jh. gehört auch dieses Haus bis nach dem 2. Weltkrieg zum Besitz der nachbarlichen Zuckerfabrik-Familien Schmidt und Rose. Den Bayreuthern ist es vor allem wegen des Antiquitätenladens im Erdgeschoss in Erinnerung, den Hanni Kopetz danach an die 30 Jahre betrieb – eine Institution wie das Auktionshaus Boltz in Nr. 36. Für eingeweihte Festspielbesucher war es vor allem wegen der ausgesuchten Wagneriana eine Attraktion, zu denen auch Richard-Wagner-Büsten, Bilder und sonstige Sammlerstücke gehörten.
Brandenburger Straße Nr. 32-34
Stadtpalais und ab 1750/60 Sitz der St. Georgener Fayence-Manufaktur
Stadtpalais und ab 1750/60 Sitz der St. Georgener Fayence-Manufaktur
Zu diesem in der Brandenburger Straße auffallenden „Stadtpalais“ hat Dr. Sylvia Habermann, die frühere Leiterin des Historischen Museums, 1983 in einem wenig bekannten Heft „Bayreuther Fassaden“ eine gute summary verfasst, die wir hier wiedergeben dürfen:
„Das Gebäude und Grundstück Brandenburger Str. 32 war ab ungefähr 1750/60 Sitz der St. Georgener Fayence-Manufaktur, Hatte diese Institution noch 1745 ihre Niederlassung hinter dem Zuchthaus an der Markgrafenallee gehabt, wo auch der Ton abgebaut wurde, so verlegte der Hofrat Johann Georg Pfeiffer, seit 1747 Mitbesitzer und seit 1760 Alleinbesitzer, das Unternehmen in die Brandenburger Allee. Das an der Straße gelegene stattliche Wohnhaus ließ er für seine eigenen Zwecke umbauen und ausgestalten, auf dem Grundstück dahinter befanden sich die Fabrikations- und Lagerräume.
Die Fayence-Fabrik, die sich auch in der Herstellung von Porzellan versuchte, erfreute sich als kunsthandwerklicher Betrieb von hohem Niveau der besonderen Protektion des Markgrafen Friedrich (1711/1735-1763). Pfeiffer war ein geschickter Organisator und Financier und verstand es, die Manufaktur trotz der zeitüblichen technischen Unzulänglichkeiten, z.B. häufiger Fehlbrände, in wirtschaftlicher und künstlerischer Hinsicht mit großem Erfolg zu betreiben. 1760 bekam er vom Landesfürsten die niedere Gerichtsbarkeit über das Manufaktur-Personal zugesprochen, was de facto einer Erhebung in den Adelsstand gleichkam. Als Wappen führte er einen pfeifenden Vogel.“
Aufgrund seiner engen Beziehungen zum Hof beauftragte Pfeiffer für den Umbau seines Hauses die Mitarbeiter des markgräflichen Bauamtes. Die Gesamtanlage entspricht dem für Bayreuth charakteristischen Typus eines Stadtpalais, das beidseitig durch Torbögen mit zwei kleinen Nebengebäuden verbunden ist. Die Fassadengestaltung von Pfeiffers Haus wird Architekt Carl Philipp Gontard (1731-1791) zugeschrieben.
Das Innere enthält ein gewölbtes Vestibül, ein großzügiges Treppenhaus und reich stuckierte Räume im Obergeschoß, u.a. einen Festsaal mit vergoldetem Ranken- und Rocaillenstuck, der vermutlich vom Hofstukkateur Rudolf Albini (1719-1797) angebracht wurde. 2023 wurden beeindruckende Fotos zum schlossähnlichen Inneren (Albini-Stuck und Kachelöfen) gemacht, als das Gebäude gerade innen renoviert wurde. Wir wollten sie hier zeigen, aber schon 2024, also ein Jahr später – das Haus war wahrscheinlich offen gestanden – bekamen wir Fotos von der inneren Zerstörung, teils durch ungebetene „Übernachtungs-Gäste“, teils durch Wasserschaden oder Hausschwamm in den Decken. Es ist nur zu hoffen, das eines der wenigen erhaltenen barocken Stadt-Palais hier nicht dem Verfall preisgegeben wird.
Brandenburger Straße Nr. 36 . . .
. . . ein imposantes Gebäude aus der Barockzeit, derzeit recht schwarz „eingefärbt“ (2026) und auf neue Nutzung wartend. Im Häuserbuch St. Georgen von Horst Fischer werden für die 1. Hälfte des 18. Jh. verschiedene Handwerker aufgezählt, die je eine Haushälfte besaßen. Ab der 2. Jh-Hälfte wird es „Fabrikantenhaus“, meist in Verbindung mit den Besitzern der Häuser Nr. 32 und 34 und der dahinterliegenden Fabrikgebäude. 1765 beginnt die Reihe mit Johann Georg Pfeiffer (Fayence-Manufaktur-Besitzer) und im 19. Jh. gehört es zum Eigentum der Schmidt- und Rose-Familien, wobei Mitglieder der letzteren bis lange nach dem 2. Weltkrieg darin wohnen Von ihnen übernimmt es dann 1976 ein unvergessliches Sammler-Ehepaar.
Denn das „Kunst–Auktionshaus Waltraud Boltz“ und das „Künstler-Original“ Werner Baumann, alias Wo Sarazen, bleiben nicht nur in der lokalen Szene in Erinnerung. Werner Baumann (1923-2020) begann nach etlichem „Ausprobieren“ seiner diversen Fähigkeiten 1964 in der Bahnhofstraße mit einem Trödel- und Antiquitätengeschäft- 1976 wagte er dann mit seiner 2. Frau den Neustart in diesem großbürgerlichen Palais, wo es im 1. OG noch wunderschöne Stuckdecken (Historismus), dekorative Böden und Jugendstilräume zu bewundern galt.
Die Kunstauktionen von Waltraud Boltz, die darin schon vorher in ihrem eigenen Antiquitätengeschäft Erfahrung gesammelt hatte, zogen meist Sammler von weit her an, denn es handelte sich oft um Spezial-Versteigerungen in ungewöhnlichen Randgebieten: Blechdosen, Osterhasen, Groschenhefte, Bauernsilber, Art Déco, Christbaumschmuck oder kleine Sakralkunst. Noch heute werden die bebilderten Auktionskataloge gesucht und im Internet angeboten. Spektakulär waren z.B. die Versteigerung von Nachttöpfen oder die von 250 Teddybären, wobei Werner Baumann die Attraktion erhöhte, indem er einen Dompteur mit beeindruckender, zahmer Grizzly-Bärendame live auftreten ließ (2012). Da das Sammler-Ehepaar von Anfang an auch Spielzeug sammelte, konnten sie nach 20 Jahren dem Publikum im Dachgeschoss ein Spielzeugmuseum offerieren, das die größeren in Nürnberg und Bamberg selbstbewusst zu ergänzen wusste.
Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.
Beliebter Treffpunkt – vor allem zur Richard Wagner-Festspielzeit und weil Werner Baumann in dieser Zeit (am 8. August) Geburtstag hatte – war der Konzertsaal im Haus, mit Bösendorfer Konzertflügel. Hier fanden Liederabende, Jazz- und Klavierkonzerte statt. Auch als er weit über 90 war, konnte Werner Baumann danach seine Gäste noch gelegentlich mit einem perfekten Kopfstand als Zugabe überraschen. Für Dichterlesungen und Diskussionsabende war dagegen das kleinere „Cabinet de fleurs“ gedacht.
Im weitläufigen Haus (und dem Garten dahinter) hatte er als Künstler viele Möglichkeiten, seine eigenen skurrilen, philosophischen, Liebhaber- und Rätsel-Objekte, Gemälde und Collagen zu präsentieren. Die Vernissagen waren stets eine Überraschung, auch für seine Fan-Gemeinde, die ihn schon zu kennen glaubte. Egal, ob er eine Stühle-Sammlung farblich und künstlerisch „verfremdete“ und als „Gesamtkunstwerk“ präsentierte oder Markgräfin Wilhelmine seine ganz persönliche Verehrung zollte. 2006 jedenfalls bekam er von der Stadt Bayreuth den Kulturpreis.
Wo Sarazens Kellerkunst- & „Verrottungs-Museum“, diese Kunstgalerie und „Grotte des Zauberers“ eröffnete er 1991 mit seinen eigenen Art Brut-Objekten und Eisen-Skulpturen sowie einer Performance als „Außerirdischer“. Mehr dazu HIER. 2020 starb Werner Baumann und das Kunsthaus Boltz ist inzwischen verkauft.
Obelisk- oder Sau-Brunnen
Diesen Obeliskbrunnen aus Sandstein am oberen Ende der Brandenburger Straße stiftete der Königlich Bayerische Kommerzienrat
Otto Rose (1839–1894). Sein Vater Louis Rose hatte Mitte des 18. Jh. als Schwiegersohn in die Schmidt-Familie eingeheiratet, die die einst blühende Fayence- und Steingutfabrik in der Brandenburgerstr. 32-34 (hinterer Bereich) übernommen und um eine prosperierende Zucker-Raffinerie erweitert hatte. Otto Rose baute das Unternehmen weiter aus, das von amerikanischem Rohrzucker inzwischen auf heimische Zuckerrüben umgestellt hatte. Er wohnte daher auch in der prominenten Brandenburger Str. 32 – gegenüber vom schönen Rose-Park – und war in der Bevölkerung angesehen, bei den Kindern (Rübensirup!) beliebt.
Ob Otto Rose diesen Brunnen (und bei wem) in Auftrag gab oder ob er einen älteren Obelisk-Brunnen hierher versetzen ließ, entzieht sich unserer Kenntnis. Die wenigen anderen Obelisk-Brunnen in Bayreuth sind alle aus dem 18. Jh. Bezeugt ist der Standort jedenfalls schon 1866 im Hausnr-Büchlein des Stadtbezirks Bayreuth (Verlag Carl Giessel). Vorher gab es an dieser Stelle jedenfalls nur eine hölzerne Viehtränke, vor allem für die Schweine. Die Erinnerung daran lebt noch fort und so wird der Rose-Brunnen im Volksmund immer noch als „Saubrunnen“ bezeichnet. Der Brannaburger Bürgerverein (1978 gegründet) organisiert seit 1980 die St. Georgener Bürgerfeste und dekoriert dabei nach wie vor diesen „Saubrunnen“ als Osterbrunnen. Und „ohne Osterbrunnen würde St. Georgen ein wichtiges Aushängeschild fehlen“.
Übrigens: Die Rose-Familiengruft auf dem St. Georgener Friedhof erinnert auch an Otto Rose (siehe Bildkachel Friedhof) und bei den Häusern Brandenburger Str. 32-34 hier im Kapitel gehen wir ebenfalls noch einmal auf die Familiengeschichte ein.
<*mehr und ausführlich dazu bei Christoph Rabenstein 1994, S.101ff
Auf der linken Straßenseite ist kulturell vor allem ein Gebäude-Komplex hervorzuheben:
Brandenburger Str. 35 – der Brandenburger Kulturstadl
Kontakt:
Brandenburger Kulturstadl e.V.
Brandenburger Straße 35, 95448 Bayreuth
0921-13663 | info@kulturstadl.de | www.kulturstadl.de
Dieses rote Haus auf der linken Seite der Brandenburger Straße wollen wir nicht vergessen, auch wenn es nicht aus dem 18. Jh stammt. Aber „historische Substanz“ hat es, weil es hier seit 1982 ein Amateurtheater-Ensemble gibt, das damals den ehemaligen Vereinssaal „Tanzstadl“ im nostalgischen Backsteinbau im Hof in Eigenregie aufwändig für Theater- (und Kino-)Zwecke renovierte. Das Vereinslokal befindet sich im Vorderhaus.
Heute bietet der Brandenburger Kulturstadl mit rund 200 aktiven Mitgliedern auf ehrenamtlicher Basis und mit großer Spielfreude 4 bis 5 Theaterproduktionen mit bis zu 100 und mehr Vorstellungen pro Jahr an. Von Dinner for One bis zum Dschungelbuch, von Boulevardkomödien und Kinderstücken bis zu Krimis reicht die Palette. Die separate Jugendgruppe ist für das jährliche Weihnachtsmärchen und Sonderproduktionen verantwortlich.
1997 bekam der Kulturstadl daher auch den Kulturpreis der Stadt Bayreuth und 2022 den Heimatpreis Bayern.
Textredaktion & Fotos: Dr. Karla Fohrbeck

















