ENTDECKE
MARKGRÄFLICHE BAROCKGÄRTEN & PARKS

Ein Opernhaus mit Seekulisse (1712-1726)
See-Vergnügen unter MG Georg Wilhelm (1778/1712-1726)
Allein schon die Belle Vue, die Schöne Aussicht auf die 6 großen, zum Teil mit Kanonen bestückten Segelschiffe wäre hier als Schau-Erlebnis zu den See-Vergnügungen zu zählen. Dies war für jedermann vom Ufer aus möglich, für die adeligen Gäste ab 1707 vor allem durch die OG-Fenster oder vom geschwungenen beidseitigen Treppenlauf auf der Rückseite des Ordensschlosses aus. Außerdem konnte die Hofgesellschaft von dem dortigen Rosengarten aus auf einem hölzernen Steg (dieser war über 100 m lang) in voller Garderobe zur kreisrunden Rosen-Insel im See gelangen und dann dort „lustwandeln“, philosophieren, dinieren, Feuerwerke und Maskeraden genießen. Bis zu seinem Tod im Dezember 1726 – der 2. Ordensschloss-Bau war noch nicht beendet – blieben diese Seefeste mit Kanonen, Feuerwerk, Kostüm-, Theater- und Wasserspielen für MG Georg Wilhelm ein vor allem sommerliches Hauptvergnügen. Die Jagdsaison begann ja erst im Herbst. In den beiden vorangegangenen Kapiteln gingen wir ausführlicher dazu ein.

Abbildung: Kupferstich 1714, J. A. Delsenbach, Zeichnung Paul Decker der Ältere
Hofkultur am See –
Dazu gehörten Zwei & ein ganzer Hofstaat
1699 heiratete der 21jährige Georg Wilhelm die 15jährige Sophie von Sachsen-Weißenfels (1684-1752). Sie kam von einem Hof, der politisch nicht allzu bedeutsam war, aber Vorreiter in Sachen „deutsche Oper“ und mit anspruchsvollem (höfischem, aber auch städtischem ) Kulturprogramm vor allem in den Sparten Literatur und Musik. Es war – von seiner Seite – eine „Spontanehe“. Sie war hübsch, die Liebe traf ihn in diesem Jahr auf der Leipziger Messe „wie ein Blitz“. Sie aber fühlte sich eher „überrumpelt“ und „hasste ihn“- anfangs, was seiner Leidenschaft offenbar keinen Abbruch tat. Aber das war nur die eine Seite. Dr. Sylvia Habermann liefert 2008 (in einem Flyer des Historischen Museums Bayreuth zu den markgräflichen Ehefrauen) ein ausgewogeneres Bild dieser Ehe:
„Die Ehe der beiden gestaltete sich turbulent, mit Seitensprüngen und heftigen Eifersuchtsszenen. Trotzdem waren Georg Wilhelm und Sophie Partner mit ähnlichem Charakter und ähnlichen Neigungen – vor allem mit ihrer gemeinsamen Vorliebe für Maskeraden, Theater, Oper und exzentrische Vergnügungen. Die Seefeste auf dem Brandenburger Weiher in St. Georgen, das Eremitenspiel in der Eremitage und die aufwändig inszenierten Karnevalsumzüge in Erlangen waren ihre Welt.“
(Abbildung: Sophia von Sachsen-Weißenfels, Ölgemälde (um 1720) von Andreas Möller)

Der besondere Traum eines See-Theaters . . .
Das Theater, Opern- oder „Commodien Haus“, wie es auch genannte wurde, war vom Erbprinzen und späteren Markgraf Georg Wilhelm – und von seiner opernbegeisterten jungen Ehefrau Sophie von Sachsen-Weißenfels – von vornherein und schon kurz nach der Hochzeit 1699, als Ergänzung zur Schlossanlage geplant. In den Urkunden taucht es erstmals 1706 auf und spätestens 1710 war es fertig, denn da ist es in den ersten bildlichen „See-Porträts“ schon zu erkennen (Dülp-Aquarell und anonymer Kupferstich um 1710): „Ein einfaches zweistöckiges Gebäude mit rechteckiger Grundfläche und Walmdach“, und von dort ein längerer Steg zum See hin. Auch auf dem späteren Kupferstich von 1714 fällt es zwischen dem Ordensschloss und den Matrosen-Häusern als Besonderheit auf. In einem zeitgenössischen Reisebericht des Freiherrn C. L. von Pöllnitz heißt es „zum schönen Lust-Hauß“ und der einzigartigen Schlossanlage:
„Es liegt selbiges an einem grossen See, worauf sich viele Galeeren, Yachten und Gondeln befinden, die er öfters miteinander streiten lässet. Von diesem Fuß /= von dort aus/ hat er einen schönen Anblick auf einer Schaubühne, die an dem Ufer der See erbauet ist, angegeben, so daß, wenn das hintere /Tor/ aufgemacht wird, sich die Schaubühne schnurgerade gegen den See befindet, und man einen Umfang von einer halben Meile vor sich siehet. Daselbst liess er ein See-Treffen aufführen, welches gewiss unvergleichlich anzusehen war“ (Ingo Toussaint.1994, S.52f).
Zugleich öffnete sich der Blick auf die Abhänge der bewaldeten Hohen Warte und die Gartenanlage der kreisrunden Rosen-Insel.
Diese einmalige See- & Naturkulisse, um die das jeweilige Bühnenbild erweitert werden konnte, war eine besondere Attraktion, von der auch an anderen Fürstenhöfen erzählt wurde. Über Theater-Spielpläne am Ende von Georg Wilhelms Erbprinzenzeit (1710-1712) liegen zwar keine Berichte oder Dokumente vor. Auch sind aus dieser (kurzen) Auftaktphase keine Libretti zu Opern, Singspielen oder Theater-Komödien überliefert. Aber schon 1714 heißt es in einer Beschreibung der Schlossanlage von Johann Christoph Volkamer „. . . Im Opernhaus werden die schönsten theatralischen Vorstellungen praesentiret . . .“ (zitiert u. a. bei Christoph Rabenstein. 1994. S. 119)
Für die Ewigkeit war der 1706 begonnene Theaterbau nicht geplant, zumal er – wie das Ordensschloss auch – auf langfristig nicht sonderlich stabilem Erdreich gründete. Schon 1716 und 1720 mussten daher „zur Reparatur und anderen Einrichtungen des Opern- und Comedien-Hauses“ Anleihen bei der Hochfürstlichen Kirchenbaukasse St. Georgen getätigt werden, die aber 1725 zurückgezahlt wurden.
1745 ist das Theater am See auf dem Riedigerplan schon nicht mehr zu entdecken.
. . . & Der See als Theaterkulisse
In der Barockoper-Literatur werden dabei 2 Opernaufführungen besonders hervorgehoben, indenen ein Seehafen vorkommt und wo der nächtliche See mit seinen Gondeln und Schiffen als illuminierte und einfallsreich inszenierte Bühnenkulisse einbezogen wurde. Wir zitieren aus Hans-Joachim Bauer: Barockoper in Bayreuth. 1982, S,65
- 1716: in der Oper „Die durchlauchtigste Olympia“ In den 5 Akten sind im Libretto 17 Verwandlungen vorgeschrieben, u.a. im 1. Akt eine ‚Renn-Bahn‘ und im 3. & 5. Akt ein „See-Hafen“. Der Prolog /Vorspann/ wird hier von Personen übernommen, die auch in der Handlung eine Rolle spielen, während der Epilog /Schluss-Szene, Nachspann/ von Götterfiguren ausgeführt wird. Die Kulisse des ‚Seehafens‘ ist inhaltlich mit einer Seeschlacht im 5. Akt verbunden, die dadurch ausgelöst wird. dass Nerandi, der Kronprinz von Thessalien, Olympia, die Kronprinzessin von Kreta, zur Frau begehrt.
- 1717: in der Oper „Die von Pluto geraubte Proserpina“ Diese Oper wurde zum Namenstag des Markgrafen am 23. April inszeniert. Theodor Geus, der 1976 im Merianheft Bayreuth darauf Bezug nimmt („Mit Lust in den Untergang“) imaginiert dazu folgende Szenerie: Die festliche Entrata ist verklungen. Langsam hebt sich die Bühnenrückwand und gibt den Blick frei auf den nachtblauen See, in dem sich, hin- und hergeschaukelt durch den das Wasser sanft kräuselnden Wind, die Lichter der Ufer-Illumination spiegeln, während im Hintergrund hochaufschießende Wasser-Kaskaden, Grottenwerk und wasserspeiende Fabelwesen zu einem seltsamen Prospekt verschmelzen. Bühnenbild für die Geschichte der /vom Unterwelt-Gott/ Pluto entführten Göttin, die nur 2/3 des Jahres die heitere Oberwelt genießen darf, den Rest aber gefangen inmitten armer Seelen in der Finsternis verbringen muss.
„Soll Styx nicht auch nach einem Weib’gen fragen?
Der arme Tropf muss immer in der Hölle schwitzen,
Und bey dem heissen Schier-Loch sitzen:
Er hat bey seinem sauern Schweiss
Kein Herzens-Labsal noch Vergnügen,
Niemand, als er alleine, weiss
Wie schwer es ist, alleine liegen.“
Hans-Joachim Bauer ist da genauer, denn das Libretto (das an Lullys Proserpina von 1680 angelehnt ist) stellt den Raub der Proserpina ins Zentrum der Handlung, bei dem es auch auf dem See wohl etwas bewegter zuging. Er vergleicht dann Lully, bei dem die Handlung mit Chören von Nymphen, Dämonen und Unterweltgeistern (sowie mit Tanz-Sätzen) angereichert war mit dem Bayreuther Textbuch, in dem als lustige Person der Diener Plutos, Styx, vorkommt, der sich – wie später Papageno nach seiner Papagena 1791 in Mozarts Zauberflöte – nach einem Weibchen sehnt, und zitiert (siehe links).
Komödie & Tragödie sind nun einmal die beiden Gesichter der klassischen Theater-Maske. Am markgräflichen Hof vertragen, ironisieren bzw. spiegeln sie sich. Klaus-Dieter Reus: „Die Illusion der Bühne ermöglichte dem Zuschauer das Verdrängen der Probleme des Alltags. Aber es war keine echte Flucht. Dem Zuschauer blieb bewusst, dass die Welt der Bühne eine Welt der Täuschung war. Gerade dieses Spiel mit der Illusion, der Reiz sich der Täuschung hinzugeben, ohne aber der Täuschung zu verfallen, macht das Wesen des Barock aus.“

Raffinierte Bühnentechnik, auch wenn man keinen See zur Verfügung hatte
Im europäischen Wettbewerb der höfischen Theaterwelt konnte das Theater in St. Georgen vor allem durch den Überraschungseffekt der erweiterten Seekulisse mithalten. Was Bühnenwechsel und Bühnenbilder, Licht-, Deko- und Überraschungs-Effekte betraf, blieb man aber bescheiden. Im Rahmen des 1606 erfundenen Kulissentheaters war allerdings Anfang des 18. Jh. schon „Unglaubliches“ möglich und die Bühnenmaschinerie hinter den Kulissen oft ein Copyright-Geheimnis. Wundermaschinen für Wind, Donner, Blitz und Regen – Wolkenmaschinen zwecks Illusion von Götterhimmel, Geistern und Flugfahrten – Versenkungsmaschinen, die in die Unterwelt entführen oder Tische und Gartenparadiese verschwinden lassen – Verwandlung der Dekoration auf offener Bühne, Lichtzauber und Lichttechnik gehörten andernorts zu den Standards „ausgeklügelter Mechanik“. Wer selber keinen See zur Verfügung hatte, konnte sich also – wie es uns Klaus-Dieter Reus im Bayreuther Redoute-Museum neben dem Welterbe-Opernhaus auf einer Modellbühne demonstriert – Seetheater imaginieren.
Fotos: Karla Fohrbeck
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„Das Herz eines Barocktheaters ist die Bühnenmaschinerie. Die Barockoper lebt durch die Verwandlung des Bühnenbildes auf offener Szene, sie lebt von dem Staunen und der Verblüffung der Zuschauer über spektakuläre Effekte. Viele Rezensenten damaliger Aufführungen interessierten sich mehr für die Leistungen der Bühnentechniker als für die Stimmen der Sänger, die künstlerische Qualität der Aufführungen und den Inhalt der Stücke. Denn wichtiger als die teilweise doch schwer verständliche Handlung war das Spektakel auf der Bühne, das Sinnenerlebnis für Augen und Ohren“ *
Damit können wir hier also nicht aufwarten. Wir verweisen daher auf den größeren Zeitgeist damals, denn es gibt eine Deutsche und eine Europäische Route Historischer Barocktheater, die ihn bewahrt hat. So wenige sind es gar nicht, spektakulär sind sie alle, aber nur in einem knappen Dutzend ist die einst fantastische Bühnenmaschinerie erhalten und wird da teilweise auch noch bespielt. Speziell auf den Spuren barocker Bühnentechnik würde der Weg quer durch Europa von Drottningholm bei Stockholm und Schloss Gripsholm in Schweden nach Cesky Krumlov und Litomysl in der Tschechischen Republik, von Versailles in Frankreich und Bad Lauchstädt, Gotha und Ludwigsburg in Deutschland bis nach Warschau und Moskau führen. Die Bühnentechnik im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth wurde in den 1960er Jahren leider abgebaut, man hatte damals „noch keine Antenne“ für solch altmodische Technik und dokumentierte sie auch nicht.
*Klaus-Dieter Reus, 2003 in Theatrum Mundi, Die Welt als Bühne. Ausstellungskatalog Haus der Kunst. München und ders. HG: Faszination der Bühne. 2001. Wir haben zu diesem Thema auf unserer Webseite sogar eine eigene Bildkachel beim Auftakt-Thema Markgräfliches Opernhaus. HIER der Link dazu.
MG Georg Wilhelm fing nicht bei Null an – Markgräfliche Hofmusik mit Tradition
Vor der Reformation 1528 war die Kirche „konkurrenzloser Träger musikalischer Aktivität, eingebunden in Gottesdienst und religiöses Ritual. Gesungen wurde in jener Zeit viel und sicher auf hohem Niveau, in der Kirche, in der Schule und auch zu Hause in der familiären Gemeinschaft“, so Rainer Trübsbach in seiner Geschichte der Stadt Bayreuth 1194-1994. Geistliche Spiele in der Öffentlichkeit wie „Gevatter Tod“ (Heute als „Jedermann“ immer noch populär) und Singspiele sind ab Mitte, Orgelspiel in der Stadtkirche ab Ende des 15. Jh. nachweisbar. Gesprochene Schauspiele tauchen dann im 16. Jh. erstmals auf. Trübsbach zitiert für 1538 und 1539 das „Spiel der 10 Alter der Welt“ von Pamphilus Gengenbach auf dem Markt beim Rathaus. Stadtpfeifer und Türmer bliesen vom Kirchturm oder besonderen Anlässen die Trompete.
Georg Wilhelms Großvater Markgraf Christian, der ab 1603-1655 als erster von Bayreuth (und nicht mehr von Kulmbach) aus regierte, bestimmte nun die Hofkultur (im Alten Schloss) zum „neuen Kristallisationspunkt musikalischen Lebens mit zeitweise zwei Orchestern. Die Hof-Capell und Cammermusik war hauptsächlich für Opern, Serenaden, Pastoralen und Konzerte zuständig, die Hofmusique und Hofbande dagegen für Haus- und Kammermusik“. Auch ein Hoforganist (Johann Staden aus Nürnberg) gehörte für 13 Jahre zum Hof. Der Etat für die Musikanten, die auch Hofkleidung bekamen, war beachtlich. 15 angestellte Hofmusiker sind für das Jahr 1613 belegt.
Überregional ausstrahlender Höhepunkt war 1619 die Orgeleinweihung in der Stadtkirche „von der Elite deutscher Organisten, von Michael Praetorius, Heinrich Schütz und Samuel Scheidt“ im Beisein vieler Fürsten und Adeliger. Stadtbrände und der 30jährige Krieg (1618-1648), die für schlimme Verwüstungen sorgten, vor denen MG Christian und Markgräfin Maria auch mehrfach ins Umland fliehen bzw. ausweichen mussten, verhinderten aber eine „professionelle Blütezeit“.
Markgraf Christian (1581/1603-1655). Kupferstich 1744 von Johann Wilhelm Windter (UB Erlangen).
Die Kupferstiche der Markgrafen befinden sich als Original im Historischen Museum Bayreuth.

Markgraf Christian Ernst begründet die Hof-Oper in Bayreuth (1644/1661-1712)
„Die Geschichte der Oper im markgräflichen Bayreuth beginnt eigentlich in Dresden, wo 1662 zur Hochzeit des Markgrafen Christian Ernst mit Erdmuthe Sophie von Kursachsen. Der Tochter Johann Georgs II. von Sachsen, neben dem Ballett „Der Parnass“ die italienische Oper „Il Paride“ mit der Bezeichnung „Ein Gedicht zu Musica“ …aufgeführt wurde“. So beginnt Hans-Joachim Bauer seinen Band zur Barockoper in Bayreuth (1982) und zitiert dann den Komponisten Giovanni Andrea Bontempi mit einer für die Zeit des Absolutismus typischen „Kratzfuß-Vorwort-Verbeugung“. Christian Ernst ist da gerade 18 Jahre alt, hatte 2 Jahre in Straßburg studiert und war dort „auf seine Rolle als protestantischer Markgraf gut vorbereitet worden“ (Anita Gutmann. Hofkultur in Bayreuth. 2008). Schon in diesem Jahr wurde er auch offiziell Markgraf von Brandenburg-Bayreuth und blieb dies gute 50 Jahre lang (von 1661-1712). Er gilt als „Begründer der Hofoper in Bayreuth“ und übergab seinem Sohn MG Georg Wilhelm 1712 schon ein ausgebildetes Opern- und Theaterwesen, das sich mit anderen Höfen messen konnte. Er nutzte vor allem im Großen Paradesaal des Alten Schlosses in Bayreuth das dortige „Grande Theatro“ für musikalische und Bühnen-Ereignisse, wo Opern und Ballette in größerem Rahmen aufgeführt werden konnten. Von Architekt und Bühnenbildner Elias Gedeler sind einige Bühnenbilder aus Bayreuth im Theatermuseum München erhalten. Die Bühne wurde mit Bildtafeln und Vorhängen ausgestattet und noch Markgräfin Wilhelmine nutzt sie, als sie 1734 den ganzen Saal, „der von einer ungeheuren Größe ist“ für ein Faschings-, Wirtshaus- & Trachtenstück in einen großen Wald verwandeln lässt. Neben der Schlosskirche ließ er sich 1662 oder 1671 (die Quellen sind sich da unsicher) – an den Schlossturm angrenzend – im Schlosshof noch einen Schauspiel- bzw. Proben-Saal mit Bühne errichten.
MG Christian Ernst liebte vor allem italienische Opern, Singspiele und Arien, den römischen Karneval und französische Komödien, die er schon auf seiner ausgedehnten eigenen Kavaliersreise (der Grand Tour) durch Holland, Frankreich und Italien noch vor Regierungsantritt schätzen lernte. Der Nürnberger Dichter Sigmund von Birken (Pegnesischer Blumenorden) gehörte zu seiner Reisebegleitung und machte ihn danach als „hochfürstlich brandenburgischer Ulysses“ auch überregional bekannt. Die 3 Ehefrauen des Markgrafen, sogar höher im Rang als er, waren alle gebildet, gut vernetzt und trugen maßgeblich zur Hofkultur bei. Da Christian Ernst oft Monate im Feld war, sind Musik, Theater und Opern auch Thema brieflichen Austauschs. Hans-Joachim Bauer (Barockoper . . .) und Anita Gutmann (Hofkultur . . .) gehen in der Literatur ausführlich auf diese Epoche ein, die auch Kindheit und Jugend von MG Georg Wilhelm prägte.
Blütezeit der Oper erst zu Georg Wilhelms Markgrafenzeit (1678/1712-1726)
Als Georg Wilhelm 1712 das Markgrafenamt übernahm, konnte er daran anknüpfen, musste aber die Zahl der Hofmusiker „rationalisieren“. Vor allem bei den teuren Castraten (Christian Ernst hatte derer 3 im Ensemble) und bei den anderen Sängern wurde gespart. Einige Musiker ließ man dafür andernorts fortbilden. So wurden im Herbst 1718 zum Beispiel 2 „Hoff Trompeter“ – zum Teil auf des Markgrafs, zum Teil auf seiner Gemahlin Kosten – an den Stuttgarter Hof gesandt, um dort die „Trompeter Kunst“ zu erlernen.
Aber er ging – auch wenn er anfangs sparen musste – systematisch vor, was die Musikkultur betraf – und zwar keineswegs nur die höfische. Er gründete eine Musikbibliothek, förderte ein Schülerorchester am CE-Gymnasium und veranlasste, dass aus 12 Alumnen (ehemalige Schüler) des CE-Gymnasiums ein passabler Kirchenchor entstand (s. Karl Hartmann: Geschichte der Stadt Bayreuth in der Markgrafenzeit, 1949).
Und: Er steigerte als typischer Barockfürst in (jetzt beginnenden) Friedenszeiten „das Fest zu höchster Blüte und holte es von den Schaubühnen der Gärten, Straßen und Plätze, der Kanäle, Seen und Terrassen in geschlossene Räume. Hoffeste setzten ganze Plätze unter Wasser, um dort Schiffsschlachten auszutragen; Feuerwerke verbrannten große Teile des Haushalts, um die hohen Initialen der Landesherren in den Himmel zu schreiben; Leichenbegängnisse verschmolzen Diesseits und Jenseits zu Hoheitsakten der Herrschaftsdisziplin und verdrängten die Angst vor dem Tod in Lust am Überfluss des Lebens“. (Marie-Louise Plessen. Die Entdeckung der Landeskultur/ im Vergleich zur höfischen/. 1987).
Und Jetzt gab es sogar eine Vielfalt von Bühnen & Theaterstätten
Das sogenannte Redoutenhaus im Stadtzentrum von Bayreuth wurde unter MG Georg Wilhelm 1714/1715 von Hofarchitekt Johann David Räntz (1690-1735) erbaut. Es diente im Vorbau (Opernstraße) vorwiegend für Theateraufführungen, im Rückbau (Münzgasse, später Synagoge) für Maskeraden und Bälle, aber auch für Kartenspiel, Diners und andere gesellige und festliche Veranstaltungen und ergänzte (und entlastete somit) das Grande Theatro des benachbarten Alten Schlosses. Neben dem Schlossturm muss es im Schlosshof zu der Zeit immer noch einen eigenen Bühnenbau gegeben haben (für Schauspiel, Theaterproben und kleinere Events bzw. besonderes Publikum). Musik und Theater wurde auch in Schloss Himmelkron gespielt (im Prinzenbau sowie im und um den Pavillon der Baille Maille), ab 1718/19 auch in Schloss und Park der Eremitage, wo man z.B. Eremiten- und Schäferspiele nur für die engere Hofgesellschaft inszenierte. Nicht zu vergessen – ebenfalls ab 1718/19 –
das Markgräfliche Theater in Erlangen.
Denn 1715 -1719 lässt MG Georg Wilhelm (mit seiner ambitionierten und gebildeten Gemahlin Sophie von Sachsen-Weißenfels) in der Nebenresidenz Erlangen ein „hochfürstliches Opern- und Komödienhaus“ als Barocktheater errichten. Auch Mitglieder des Hofes nahmen an der Eröffnung teil und ca 25 Musiker. Das Libretto der deutschsprachigen Oper von 1719 ist erhalten. Bayern Klassik brachte zum 300-jährigen Jubiläum 2019 eine eigene Sendung dazu. Im Stadtmuseum Erlangen konnte man eine rekonstruierte „Brandungsmaschine“ bewundern, denn eine Szene spielte in einem Wald am Meer (und Erlangen hatte keinen See wie St. Georgen). Ein Kupferstich wies auch 2 Elefanten auf, die damals wohl live auf der Bühne erschienen.
Erlangen hat das älteste, heute noch bespielte Barocktheater in Süddeutschland, inzwischen allerdings ohne Opernsparte. Es wurde 1743/44 – zur Regierungszeit des Markgrafenpaares Friedrich & Wilhelmine (1735-1763) – vom venezianischen Theatermaler und Architekten Giovanni Paolo Gaspari (1714-1775) in ein Rokoko-Theater umgewandelt und zum Karneval mit einem Singspiel eingeweiht. In Bayreuth widmete man sich kurz danach (1745-1748) dem Neubau des Markgräflichen Opernhauses (Welterbe) durch Vater & Sohn Galli Bibiena und Gaspari wurde in München kurfürstlicher Theatermaler und Architekt. Aber das Erlanger Theater ist heute noch eine Attraktion.
Mehr als 50 Opern und Serenaden . . .
In nur 14 Regierungsjahren (1712-1726) hatte Markgraf Georg Wilhelm mehr als 50 Opern und Serenaden aufführen lassen, so das Resumée von Hans-Joachim Bauer (Barockoper in Bayreuth. 1982). Die meisten Texte sind in einem Sammelband enthalten, der zwischenzeitlich als verschollen galt und sich jetzt im Besitz des Historischen Vereins für Oberfranken in Bayreuth befindet. Daraus sind auch unsere Titelblatt-Beispiele entnommen. Libretti, Textbücher, Programmzettel wurden für das (meist höfische) Publikum gedruckt und machten dieses mit Inhaltsangabe und der jeweiligen Besetzung in Ballett, Schauspiel, Gesang und Orchester vertraut (häufig Mitglieder des Hofes und das Fürstenpaar selbst, die alle auch namentlich aufgeführt und zugeordnet wurden). Wer die Dichter und Komponisten waren, gehörte erst später zur „wissenschaftlichen Detektivarbeit“. Von der Musik selber sind nur wenige originale Notensätze erhalten. Und überhaupt: Auch wenn es damals berühmte Persönlichkeiten waren, die man von Hof zu Hof tauschte oder weiterempfahl (oder deren Libretti und Musik man umschrieb, übersetzte oder an die eigenen Bedingungen anpasste), sie standen nicht „im Mittelpunkt“ – auch nicht auf den Deckblättern. Auf diesen wurde das Fürstenpaar als Auftraggeber und Mäzen des Festes „verherrlicht“.
Die offiziellen Festanlässe für Opern- bzw. Theateraufführungen in der Amtszeit von Markgraf Georg Wilhelm waren festgelegt. Sie strukturierten den Jahreslauf und wurden ergänzt durch Ereignisse wie Hochzeit, Taufe oder Tod sowie Besuche von adeliger Verwandtschaft und sonstiger Prominenz.
- Karneval im 1. Quartal, der auch gerne in Erlangen mit aufwändigen Umzügen gefeiert wurde – damals schon eine überregionale Attraktion und „Wirtschaftsfaktor“.
- Der 23. April in St. Georgen als St. Georgs- (und des Markgrafen) Namenstag, der mit den Ordensrittern – nach dem Kirchgang – im Ordens-Schloss und oft auch im Theater am See zelebriert wurde.
- Der Sommer-Geburtstag von Markgräfin Sophie am 2. August (wo sich See-Theater anbot) und
- Georg Wilhelms eigener Geburtstag am 16. November (wurde witterungsbedingt eher im Grande Theatro des Alten Schlosses gefeiert).
Die Theater- und Opern-Aufführungen fanden naturgemäß nicht alle im „Opernhaus am See“ statt, sondern verteilten sich auf die in Georg Wilhelms Zeit kreierte örtliche und regionale Bühnenvielfalt. Die Rolle, die jedermann (angeblich) „nach der göttlichen Ordnung“ zugewiesen war, und an deren Spitze die Fürsten standen, durfte auf dem „Theater des Lebens“ schon einmal durcheinandergeraten. Verwickelte Liebesbeziehungen und Verkleidungskomödien, Männer in Frauenkleidung und Frauen als Amazonen . . . solche Libretti-Stoffe waren von Hamburg bis Venedig, von London bis Dresden beliebt.
Das Fürstenpaar persönlich liebte es, den jeweiligen Libretto-Stoff auszusuchen, in Auftrag zu geben oder zu modifizieren. Und so konnten und durften die „Hochgelobte Frau Gemahlin“ (Sophie) und der „Durchlauchtigste Fürst und Herr“ (Georg Wilhelm) hier wunderbar und vor aller (vor allem des Hofes) Augen und Ohren auch ihre eigene joking relationship „souverain“ ausleben.
- Er, indem er ihr mit „Vor-liebe“ Stücke zum Geburtstag am 2. August verehrte, die mit Untreue und Treue zu tun hatten (siehe obige Libretto-Titelblätter) oder „Amazonen-Stücke“ wie das von 1717 mit dem Titel „Der Liebe Sieges- und Friedenspalmen“, in denen die Amazonen-Königin ihre Rüstung ablegt und dem geliebten Helden folgt (auch in die Ferne).
- Sie, indem sie z.B. Stücke wählte, die zeigten, dass sie ihm nicht nur als „königliche Schäferin“, sondern „auf Regentenebene“ ebenbürtig sei(n kann) – wie z.B. 1715 die Tragi-Comoedia von der Unglückseligen Regierung der Durchlauchtigsten Antonia, in der diese hilft, Hofintrigen aufzudecken, deren Opfer zu werden sonst ihr Schicksal gewesen wäre.
Dieser Schaubühnen-Kampf der Geschlechtermachte den Hofgesellschaften offenbar besonderes Vergnügen, betraf er doch nicht nur die hohe Prominenz.
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Der Markgräfliche Hof als Opern-Ensemble
Man wusste sich auch sonst zu helfen, durch „Eigeninitiative und kulturpolitische Netzwerk-Politik“, so würde man heute sagen. Und so setzte Georg Wilhelm als Markgraf den Brauch fort, eigene Musiker an andere Höfe zu vermitteln und ihm empfohlene zu engagieren. Hans Joachim Bauer schreibt dazu: „Darüber hinaus wurden manche Opernaufführungen von durchreisenden Sängern und Musikern bestritten, und selbst Mitglieder der Bayreuther Beamtenschaft wurden als Interpreten herangezogen. Desgleichen beteiligte sich auch die Hofgesellschaft sowohl an den Opernaufführungen als auch besonders an den anschließenden Balletten.“ (Barockoper in Bayreuth. 1982).
Auch Rainer Trübsbach weist in seiner Geschichte der Stadt Bayreuth darauf hin, dass dies keineswegs ein „Provinz-Phänomen St. Georgen“ war. „Dem Selbstverständnis des Standes entsprechend und der Zeitströmung folgend liebte es die Hofgesellschaft, auf der Bühne zu agieren“, keineswegs nur aus Sparsamkeitsgründen. Und diese Mode war später auch Markgräfin Wilhelmine als Theaterintendantin noch ein großes Vergnügen. Denn selbstverständlich spielte das jeweilige Markgrafenpaar mit. Verwirrspiele und das Auflösen von Klassenschranken, Geschlechterkämpfe und Zunftparodien, Täuschungsmanöver und Illusions-Entlarvung waren mit und ohne Masken- und Mummenschanz willkommene Befreiungsakte. Die Paarbildung der Mitspieler wurde ausgelost.
Warum auch nicht? Tanzen, Fechten, Reiten gehörten ohnehin zur adeligen Erziehung, meist auch das Musizieren – sich „Kostümieren“ und in Festgewänder werfen, Präsentieren und öffentliches Auftreten ebenfalls, auch Witz, Esprit und Humor konnten sich entfalten…
Dafür haben wir ein hübsches Beispiel aus dem Jahr 1718 zu MG Georg Wilhelms Namenstag am 23. April:
.Zuerst wurde nachmittags auf dem Theatro zu St. Georgen am See eine Kurzoper gegeben, in der der verliebte Schäfer in Wirklichkeit sich als Prinz „entpuppt“.
Dann galt es, zu Pferde oder in der Kutsche die 17 km bis zum ehemaligen Kloster, dem jetzigen Schloss und dem Theatro zu Himmelkron zu bewältigen. Denn dort präsentierte Markgräfin Sophie am Abend das Stück Die beglückte Schäfferin Bellinde, die von der Hofgesellschaft selber dargestellt wurde – vermutlich sogar als Premiere. Denn schließlich wurde der 1699 von Vater-Markgraf Christian Ernst begonnene, aber erst halbfertige „Prinzenbau“ 1716-1720 vom Sohn vollendet und langsam vorzeigbar, zumal hoher fürstlicher Besuch zu Gast war, die sächsische Prinzessin Johanna Wilhelmine. Die „tollen Possen von Schäferknecht C. und Hexe M.“ kontrastierten als Inter-Szenen die 5 Akte, in denen – so vermutet H-J. Bauer – lediglich die Arien gesungen wurden. Begleitet wurde das Ganze von einem üppigen Bankett und „Den Abschluss für die gesamte Hofgesellschaft bildeten dann ein allgemeiner Jubelchor und ein ‚Grand-Ballett‘“. Das allgemeine Vergnügen zog sich wie üblich bis in die Morgenstunden hin.
Damals auch überregional ein Standardwerk –
Das Kostüm- & „Trachtenwerk“ von Johann Meßelreuter
Über 30 Jahre lang war er Kammerdiener und Rüst-Cämmerer am markgräflichen Hof und zuständig für die Kostümabteilung, die Requisiten und Maskeraden. Mit den Standards (und dem Kupferstichkabinett) des Dresdner Hofes, zu dem Bayreuth gute verwandtschaftliche Beziehungen hatte, scheint er vertraut gewesen zu sein und hat auch im Eigeninteresse andernorts recherchiert. 1723 veröffentlichte er im Eigenverlag ein Kostümwerk, das im 18. Jh. auch an anderen deutschen und europäischen Höfen zum Standardrepertoire gehörte. Es bestand aus einer großformatigen gebundenen Kupferstich-Sammlung mit über 200 Kostümfigurinen für unterschiedliche Kostümierungs-Gelegenheiten, vor allem für Götter-, Halbgötter-, historische & Helden-Figuren, für Allegorien (Jahreszeiten, die 4 Elemente . . .), Spezialthemen wie Mensch & Pferd, nationale und fränkische Trachten. Viele Abbildungen (die großenteils von Johann Christoph Dehne stammen) ergänzte er durch zusätzliche Beschreibungen. Man konnte das Werk in schwarz-weiß und coloriert erwerben. Er selber widmete es seinem Dienstherren MG Georg Wilhelm. Der Titel klingt etwas umständlich:
Neu-eröffneter Masquen-Saal, Oder: Der verkleideten Heydnischen Götter, Göttinnen und vergötterter Helden Theatralischer Tempel: Darinnen In mehr als 200. Kupffer-Stichen vorgestellet wird, wie solche Gottheiten . . . eingekleidet . . . werden können; Nebst beygefügten accuraten Beschreibung derer Zeichen und Farben / collegiret, und zu finden Bey Johann Meßelreuter, Hoch-Fürstlich Brandenburg-Beyreuthischen Cammer-Dienern und Rüst-Cämmerern, Bayreuth: Lober 1723.
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„Die Oper als Schule des Lebens und der Tugend . . . im Zeitalter des Barock“
so heißt eine Dissertation an der Universität Erlangen aus dem Jahr 1972 (von Richard Taubald). Das bedeutet: Im Barock war man sich – außer des Vergnügens – auch der Katharsis- (= therapeutische Reinigungsfunktion) von Schauspiel und Oper durchaus bewusst. Es war eine Epoche der Selbst- und Fremd-Bewusstwerdung. Ruinen in Bühnenbild und Parks erinnerten an die Vergänglichkeit des Lebens. Die Rolle, die jedermann (angeblich) „nach der göttlichen Ordnung“ zugewiesen war, und an deren Spitze die Fürsten standen, durfte auf dem „Theater des Lebens“ schon einmal durcheinander geraten. Das Fürstenpaar persönlich liebte es, den jeweiligen Libretto-Stoff auszusuchen, in Auftrag zu geben oder zu modifizieren.
Die Stände wurden in den Liebes- und Verwirrspielen durcheinander gewirbelt und der arme Schäfer oder die einfache Dienerin konnten sich als Prinz oder Prinzessin entpuppen. Der Narr oder die „lustige Person“ durfte Dinge sagen, die bei Hofe eher tabu waren. Zunftmeister, Handwerks-Lehrlinge oder „Küchendiebe“ traten auf, erzählten von Flöhen und Läusen oder brachten sonst etwas Alltagskultur auf die Bühne. Gerechtigkeit, Tugend und Liebe hatten zu siegen. Die griechische Mythologie mit ihren Göttern, Halb- & Meeresgöttern, Helden & Amazonen bot allein schon Stoff genug, auch Rom wenn es darauf ankam. Und natürlich war der von zauberhaften Nebeln umhüllte Orient Folie für „das Fremde“. Viele Libretti wählten (fiktive) Inseln und Orte ums Mittelmeer als „Orte des Geschehens“. Aus diesem Repertoire bedienten sich Markgraf Georg Wilhelm & seine Gemahlin Sophie, aber wenig später auch Markgräfin Wilhelmine sowohl als Theater-Intendantin wie als Autorin autobiografischer Libretti. Weit weit ist’s her? Keineswegs! Aber…
Nehmen wir das Festival Bayreuth Baroque als Beispiel, „Oper für alle“ im Welterbe Markgräfliches Opernhaus (von 1748), das jährlich im September sein regionales und internationales Publikum anzieht. Man spielt bekannte und unbekannte Opern aus genau dieser Epoche. 2026 z.B. „Floridante“, 1721/22 in London auf der Bühne und heute „ein unterschätztes Juwel“ unter den vielen Opern von Georg Friedrich Händel. Dramma per musica in drei Akten, in italienischer Sprache. Mit Spitzen-Sänger-Ensemble, Countertenören und prächtiger Bühnen-Farben- und Kostümshow. Aber wie wird da geworben?
Regisseur und Countertenor Max Emanuel Cenčić betont, sie enthalte alles, „was es zu einem mitreißenden Opernabend braucht: psychologisch plastisch gezeichnete Figuren, eine packende, intrigenreiche Handlung, große Emotionen zwischen Liebe, Begierde, Eifersucht und Verrat und natürlich eine Musik, die zu Herzen geht.“ Kurze Zeit später lautete die Ansage der ARD-Sprecherin im Radio zu Verdi’s Nabucco-Oper ähnlich: „Was zeichnet ein gutes Drama aus?“
Wir scheinen uns an die „Normalität“ des Menschen- und Weltendramas gewöhnen zu wollen, Film und Massenmedien tun ihr Übriges dazu. Auch im Barock nahm man es nicht so genau. Man konnte, man musste nicht dem „Erkenne dich selbst“ folgen. Und „gut ausgehen“ sollten die Tragi-Komödien allemal, wozu hatte man einen imaginären „deus ex machina“. Jetzt profitieren alle von dieser „Bühne des Lebens“ – in Bayreuth z.B. auch im Großen Festspielhaus Richard Wagners.
Text: Dr. Karla Fohrbeck
Literatur
Die überregionale Literatur zum Thema Theater & Oper im Barock ist umfangreich und höchst interessant, charakterisiert sie doch eine breite europäische Kulturbewegung, von der wir heute noch zehren, sei es in der Fülle an Opern-, Theater-, Film-, Musik- und Medienstoff, sei es an technischem und fantastischem „Bühnenrausch“, sei es an heute noch genutzten Gebäuden, Bühnen & Parks, sei es – vor allem – an popularisierender Selbst- und Weltbild-Reflexion. Da hinein sind auch Barockoper und Hofkultur in Bayreuth, hier am Beispiel der Epoche von MG Georg Wilhelm und seinem Experiment St. Georgen am See, einzuordnen.
- Alewyn, Richard /Karl Sälzle: Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste. 1959/1989
- Bauer, Hans-Joachim: Barockoper in Bayreuth. 1982
- Bauer Heinrich: Die italienische Festoper am Hofe zu Bayreuth. 1976 (Bayerische Vereinsbank. Bavaria Antiqua)
- Eger, Manfred: Bühnenzauber des Barock. In: Eger: Bayreuther Profile, Bayreuth, 1984
- Gutmann, Anita: Hofkultur in Bayreuth zur Markgrafenzeit 1603-1726. 2008
- Hartmann, Karl: Geschichte der Stadt Bayreuth in der Markgrafenzeit.
- Küster, Ulf (Hg.): Theatrum Mundi, Die Welt als Bühne. Ausstellungskatalog Haus der Kunst, München. 2003 (v.a. 17. & 18. Jh.)
- Müssel, Karl: Bayreuth in 8 Jahrhunderten, 1993
- Plessen, Marie-Louise: Die Entdeckung der Landeskultur. im Magazin Ästhetik und Kommunikation Heft 67/68: Kulturgesellschaft
- Reus, Klaus-Dieter (Hg.): Faszination der Bühne. 2001 (2.Aufl.)
- Rudloff-Hille, Gertrud: Die Bayreuther Hofbühne im 17. und 18. Jahrhundert, 1936/56
- Schmidt, Gustav: Die Bayreuther Markgrafen. Heimatbeilage 273. Bayreuth 2000.
- Toussaint, Ingo (Hg.): Reisen nach Bayreuth. 1993
- Trübsbach, Rainer: Geschichte der Stadt Bayreuth 1194-1994. 1993.

























