ENTDECKE

BAROCKGÄRTEN & PARKS

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Grand-Tour (Europa) &
Naumachien (St. Georgen)

Wir starten mit MG Georg Wilhelm (1678/1712-1726)

Georg Wilhelm war für seinen Vater MG Christian Ernst der lang ersehnte Nachfolger, den ihm seine zweite Ehefrau Sophie Louise 1678 schenkte. Die Liste der Taufpaten war ungewöhnlich lang und umfasste 24 Personen, darunter Kaiser Leopold I (der sich vertreten ließ), hohe Adels-Verwandtschaft aus Stuttgart, Dresden und Braunschweig-Wolfenbüttel, protestantischen und katholischen Adel, u.a. auch aus der Reichsritterschaft. MG Christian Ernst hatte Renommée, war konfessionell tolerant und hatte kulturell, militärisch und diplomatisch ein großes Beziehungsnetz.

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Und da der Vater Obrist (also oberster Führer) des Fränkischen Reichskreises und General in kaiserlichen Diensten war, die Sommermonate über meist auf Feldzügen, war klar, dass der Junge in diese Fußstapfen zu treten hatte. Ein Kinderbild zeigt uns 1681 Georg Wilhelm im Alter von 3 Jahren in einer Gala-Uniform – des Vaters ganzer Stolz und ihm
„wie aus dem Gesicht geschnitten“.
Und so heißt es unter dem Kupferstich auch:
Deß tapfern Vatters grosser Geist
sich in des Sohnes Augen weist.

Abbildung rechts: Die Geburtsmünze (1678) & der 3-jährige Georg Wilhelm (1681)

Markgraf Christian Ernst (1644/1661-1712) als europäischer „Türkensieger“ und Über-Vater

Offizier und Militärführer würde Georg Wilhelm einst werden, nicht „nur“ Landesherr. Da Söldnerheere in Europa schon lange nicht mehr üblich waren, musste sich auch der Fränkische Reichskreis mit einem stehenden Heer abfinden, das zumeist in Bayreuth, aber auch in St. Georgen, Kulmbach oder Himmelkron stationiert bzw. gelagert war. Aufgrund der Reichskriegsverfassung von 1681 waren die Provinzen zur Stellung von Truppen für die Reichsarmee verpflichtet. Und so war Militärische Ausbildung von Anfang an wichtiger als allgemein schulische. 5 Jahre war er alt, als sein Vater als „Türkensieger“ aus dem Feld zurückkam, nachdem er 1683 mit seiner reichsfränkischen Armee (und gemeinsam mit den Armeen der Bayern und Schwaben) dem Kaiser und dem Polnischen König geholfen hatte, Wien in letzter Minute von der hochgefährlichen Belagerung zu befreien und zu verhindern, dass die Osmanen weiter nach Bayern und Europa vordrangen.

Auch als Abschreckung waren diese Heere notwendig und wirksam, damit andere Heere nicht ungefragt durch das eigene Land zogen. Die Verwüstungen und Folgen des 30jährigen Krieges (1718-1748) waren noch präsent. Die Türkengefahr war bis 1717 (Schlacht von Belgrad) bei weitem nicht gebannt und die Kriegsgefahr in Europa flammte auch andernorts immer wieder neu auf. So wurde Georg Wilhelm vom Vater Markgraf durchaus früh „ins Feld“ und in die Verantwortung genommen und auf „den Ernst des Lebens“ vorbereitet. „Bereits als 17-jähriger fiel der Sohn beim sog. Treffen von Enghien als äußerst mutiger Soldat auf“, rühmt die Gedenkfahne im ehemaligen Prinzenschloss Himmelkron.

Man vergleiche im übrigen Georg Wilhelms Jugend und Erziehung mit der von anderen Fürstensöhnen:

  • Max Emanuel von Bayern durfte und konnte z. B. schon 1679/80 (mit 17/18 Jahren, als er gerade mündig wurde) das große bayerische Heer nach französischem Vorbild modernisieren.
  • Im Jahr 1700/1701 wurde dem späteren preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (damals erst 12 Jahre alt) vom König-Vater erlaubt, auf Gut Wusterhausen schon ein eigenes kleines Regiment zu trainieren – in weiser Voraussicht wie sich später erweisen sollte.
  • Und Georg Wilhelm bekam in seiner (langen) Erbprinzenzeit sein „St. Georgen am See“ als Planstadt, Residenz und militärische Dépendance.

Foto: Karla Fohrbeck

MG Christian Ernst als „Türkensieger“ & die 4 Erdteile
Brunnen (1705 von Elias Räntz) vor dem Neuen Schloss Bayreuth

1695/96.   Die Grand Tour – Erbprinz Georg Wilhelm auf europäischer Kavaliers-Reise

Der Erbprinz wurde also schon als junger Mann für eine militärische Karriere erzogen und trainiert. Auch seine Kavaliers- und Bildungsreise 1695/96 diente nicht zuletzt solchen Erfahrungen. Außerdem konnte und sollte er dabei seine Fremdsprachen-Kenntnisse und Umgangsformen verbessern. Die Reise diente auch dem Vergleich mit den Standards anderer Fürstenhöfe – sowohl in bau- und handelspolitischer, kultureller wie militärischer Hinsicht. Und diplomatische und Freundschaftsbeziehungen quer durch Europa dienten künftiger Friedens- (und Kriegs-)Politik.

Markgraf Christian Ernst schickte den inzwischen fast 17-jährigen – wie damals üblich – mit kleinem Gefolge auf diese Grand Tour. Nicht wie sonst (und in seiner eigenen Jugend) nach Italien und Frankreich (mit Frankreich war Krieg), sondern erst an befreundete deutsche Höfe und dann nach Holland, Belgien und England. Den prächtigen Hof von Dresden durfte Georg Wilhelm schon 2 Jahre früher bestaunen (1693). Und zwar im Rahmen der aufwändigen Hochzeits­feierlichkeiten seiner älteren Schwester Eberhardine mit dem späteren sächsischen Kurfürst und polnischen König August dem Starken.

Diese Reise hat Georg Wilhelm die Augen geöffnet, den Sinn geweitet, den Mut gestärkt und ihm die „europäische Bedeutung“ seines Georg-Namens zu Bewusstsein gebracht. Auf die Gefahr, dass wir uns hier etwas wiederholen, denn diese Reise gab auch den entscheidenden Impuls für Georg Wilhelms „Seeflotte“ auf dem Brandenburger See (siehe das folgende Bildkachel-Kapitel), ABER:

Zwei Begegnungen waren maßgebend:

1.     Kurfürst Max Emanuel von Bayern (1662/1679 -1726) in Brüssel – Statthalter der Niederlande
„
Türkensieger“ & damals schon „eine Legende“

Dieser „blaue Kurfürst“ und „Türkensieger“, der Erbauer bzw. Vollender der Schlösser Nymphenburg, Schleißheim, Dachau und der Theatinerkirche in München (deren Bau als Dank für seine Geburt begonnen wurde), der große Kunst- und Silberschatzsammler und Musikliebhaber, der verschwenderische und „unberechenbare Europäer“, der für seinen Sohn nach der spanischen Krone strebte (und sie nicht erhielt, da dieser starb) und nach der verlorenen Schlacht von Höchstädt 1704 eine Weile in die Verbannung zog – ihn feiert Bayern 2026 in dessen 300jährigem Todesjahr als „Inbegriff des barocken Herrschers“ und mit großem Pomp als „Legende“.

Wie wurde Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern zu der Legende, die er heute ist? Um diese Frage dreht sich alles in der Sonderausstellung „Making Max Emanuel“, die das Bayerische Armeemuseum anlässlich seines 300. Todestages zeigt.
Max Emanuel gilt als einer der wichtigsten Herrscher Bayerns. Mit ihm erlebte der Staat einen immensen Aufschwung: Als er geboren wurde, war das Land noch gezeichnet vom Dreißigjährigen Krieg. Unter dem ehrgeizigen Kurfürsten und begabten Feldherrn Max Emanuel wurde Bayern zu einem Machtfaktor in Europa.

Und Georg Wilhelm? Der auch 2026 = 300. Todestag hatte –
wer erinnert an ihn?             Wir tun es auf dieser Webseite!

Kurfürst Max Emanuel von Bayern war jedenfalls schon mit 33 Jahren, als er sich 1695 mit dem jungen Erbprinz Georg Wilhelm in Brüssel traf, für diesen ein Held. Dort residierte er seit 1691 als niederländischer Statthalter, liebte die Jagd, maritime Abenteuer und Seevergnügen, Rubens-Gemälde, Diplomatie und Hofmusik, wobei er selber sehr gut die Gambe spielte. Von den Türkenkriegen konnte er sich etwas erholen. Durch den Vater MG Christian Ernst war Georg Wilhelm mit den Erzählungen zwar vertraut, aber das hier waren doch andere Dimensionen. Schon 1679/80, mit 17/18 Jahren, als er gerade mündig wurde, durfte Max Emanuel das bayerische Heer nach französischem Vorbild modernisieren. In der großen Türkenschlacht von Wien 1683, an der auch MG Christian Ernst mit dem (kleineren) fränkischen Reichsheer teilnahm, kam er dem Kaiser mit 11 Tsd Soldaten ! zu Hilfe. Auch danach blieb er im „Großen Türkenkrieg“ an vorderster Front, so bis 1685 bei den Schlachten von Gran und Ofen. 1688 erhielt er von Kaiser Leopold I den Oberbefehl in Ungarn, und dem „blauen Kurfürst“ (dessen Uniform im ganzen Heer aufstrahlte) gelang die Befreiung Belgrads.

Wer es noch ausführlicher will – es lohnt:
Christian Quaeitzsch von der Bayerischen Schlösserverwaltung (BSV) hat dazu zwei unterhaltsame & informative Blogartikel verfasst.
1. „In utraque Fortuna“ – Ein Wittelsbacher mit wechselhaftem Geschick. Zum 300. Todestag des Kurfürsten Max Emanuel (1662-1726)
2. „Silberner“ statt „Blauer Kurfürst“ – Erinnerungen an Max Emanuel in der Silbersammlung der Residenz

HIER gehts zum Flyer:
Making Max Emanuel – Wie wird man zur Legende?

Hubert Glaser (Hg): Kurfürst Max Emanuel.
Bayern und Europa um 1700, 2 Bände (München, 1976)

1704 – in der vernichtenden Niederlage der Schlacht bei Höchstadt – kämpften beide Fürstensöhne an der Front. Und 1714/15, als der Spanische Erbfolgekrieg endlich beendet war und Max Emanuel nach Bayern zurückkehren durfte, bekam Georg Wilhelm als Markgraf sehr wohl mit, wie dieser dort Schlösser zu Ende baute, Prunkschiffe auf dem Starnberger See vorführte und das bayerische Rokoko zur Hochblüte brachte. Aber in den damals letzten Türkenkrieg 1717 bei der Belagerung von Belgrad zogen beide nicht mehr. Das überließen sie Prinz Eugen von Savoyen, dem „edlen Ritter“.

2.     Wilhelm III von Oranien (1650/ 1689-1702) in Brüssel & London – König von England, Schottland und Irland
Hosenband-Orden & St. Georgs-Kult

In seinem Reisetagebuch berichtet Georg Wilhelm, dass Wilhelm von Oranien (1650-1702) ihn 1695 in Brüssel (ebenfalls) „wie einen künftigen Reichsfürsten“ empfing. Wichtiger aber war die Einladung nach England, wo dieser seit 1688/89 mit Maria II Stuart den Königsthron usurpierte und wo er ihn Anfang 1696 auf Schloss Windsor und in London besuchen durfte.

Hosenbandorden . . .

Dort, wo er freundlich und standesgemäß aufgenommen wurde, lernte er die Bedeutung des vornehmen blauen Hosenbandordens kennen, der an die Ritter- (und St. Georgs-Ideale) der Kreuzzüge und des Mittelalters anknüpft. Auch damals ging es um „Türkenkriege“. König Eduard III. von England hatte ihn 1348 gestiftet, um in diesem Kriegsjahrhundert den Geist der Ritterideale zu stärken, den christlichen Glauben zu verteidigen und den europäischen Adel zu einigen (aber auch, weil er damals Anspruch auf den französischen Thron erhob). Die Gründung bewährte sich, denn die allgemeine Heirats-, Paten- und Bündnispolitik im europäischen Adel wurde durch solche Ordens-Netzwerke als Friedenspolitik noch einmal gefestigt.

William III in Garter Robes (ca. 1695-1700)
Ölgemälde von Sir Godfrey Kneller (1646-1723)

Schloss Windsor
Foto: Simon Hurry

St. George’s Chapel – wo sich die Mitglieder des Hosenbandordens jährlich treffen

Bis heute ist dieser Most Noble Order oft the Garter, wie er auf Englisch heißt, „der älteste, höchste und exklusivste Ritterorden Großbritanniens“. In der St. George’s Chapel von Schloss Windsor hat jedes Ordensmitglied seinen festen Platz. Der Orden wird bis heute vom König nicht nur an Adlige und nicht nur an Herren (Knights) vergeben. Vollmitglieder sind die Ladies jedoch erst seit 1987 – dank Queen Elizabeth, die 2008 auch ihren Enkel Prinz Williams zum (inzwischen 1000.) Ordensmitglied erhob. Die Mitgliederzahl ist (ohne das englische Königshaus und ausländische Monarchen zu zählen) auf 24 begrenzt. Der englische Humor weist – was das Motto betrifft –  auf den Gründer zurück, in dessen Zeit ein sichtbares blaues Knieband (= garter) über der Kleidung wohl „Herrenmode bei Hofe“ war. Man bevorzugt aber die Legende, dass König Eduard III als ritterlicher Kavalier ein verlorenes (blaues) Damenstrumpfband sich selber ums Knie band, der Dame die Peinlichkeit ersparte und uns das bonmot (= gute Wort) hinterließ „Honni soit qui mal y pense“ („Ein Schuft/Schelm, wer Böses dabei denkt“). Bis heute blieb das jedenfalls die Ordens-Devise.

Der Orden war zur Zeit seiner Gründung König Artus’ legendärer Tafelrunde nachempfunden, wo es darum ging, die wichtigsten Ritter des Königreichs fester an den König zu binden. Erbprinz Georg Wilhelm merkte sich das sehr wohl für die spätere Gründung seines Ordre de la Sincérité (Hausorden der Aufrichtigkeit) in St. Georgen 1705, denn der fränkische Adel war frei und selbstbewusst und der Rang des Markgrafen als Obrist des fränkischen Kürassier-Regiments und als Kaiserlicher Generalfeldmarschall keine Garantie für Gehorsam und Loyalität.

Raffael (1483-1520) Tafelbild 1504-6
St. Georg tötet den Drachen

St. Georg als Drachenbezwinger
auf einer Hosenband-Medaille 1678

Markgrafenbrunnen Neues Schloss Bayreuth
MG Christian Ernst als „Türkenbezwinger“

. . . & St. Georgs-Verehrung, damals in ganz Europa

Der St. Georgen-Kult am englischen Hof und am nationalen St. Georgstag (23. April) verlieh natürlich auch Georg Wilhelms eigenem Namen eine neue Aura. So gab es Ende des 17. Jh. sogar „in England Spiele, in denen St. Georg keinen Drachen, sondern einen türkischen Ritter besiegte“, berichtet Karl Müssel, dem wir u.a. viele Spezial-Recherchen zu St. Georgen verdanken (Bayreuth in 8 Jahrhunderten, 1993. S. 74). Und das St. Georgs-Kreuz (rotes Kreuz auf weißem Grund) – Ehrenzeichen im englischen Hosenbandorden – ist sogar Bestandteil des Königreich-Wappens von Großbritannien & Irland. Es ziert somit als „Wurzel-Symbol“ die englische Nationalflagge.

Außerdem ist der Heilige Georg auch sonst in Europa Staats- oder Stadt-Patron, nicht nur im nach ihm benannten Georgien. Und so durfte Erbprinz Georg Wilhelm – mit Erlaubnis seines Vaters und „Türkensiegers“ MG Christian Ernst – seine neue Planstadt ab 1702 offziell und amtlich St. Georgen nennen. Und so legte er später seine eigene Ordensgründung 1705 in St. Georgen ebenfalls auf den (ab da auch dort) traditionellen St. Georgstag, den 23. April, ebenso die Einweihung der Ordenskirche 1711 – alles mit teils spektakulärer Festkultur verbunden. Ganz ungewöhnlich war so etwas auch in protestantischen Gegenden nicht.

Zu den Abbildungen: Symbol des Hosenbandordens – auch im Wappen des Vereinigten Königreichs

Warum in die Ferne schweifen?
St.  Georgs-Tag & Hosenbandorden am Hof des sächsischen Kurfürsten in Dresden

Falls er es nicht ohnehin schon vorher wusste, Georg Wilhelm bekam in Windsor Castle jedenfalls bestätigt, dass der St. Georgentag vor einiger Zeit auch in Deutschland eingeführt worden war und zwar 1669 in Dresden (damals noch protestantisch). Damals wurde der blaue Hosenbandorden vom englischen König Karl II durch 2 englische Abgesandte an den sächsischen Kurfürsten Johann Georg II (1656-1680) verliehen und dieser damit öffentlich und feierlich „überkleidet“. Der Kurfürst ließ sich danach im „Ordens-Habit“ abmalen.

Im Mai 1671 wurde diese Zeremonie in Windsor Castle wiederholt und der Kurfürst (in Abwesenheit) dort von König Karl II auch offiziell in den Orden aufgenommen, wobei er sich aber „kursächsisch“ vertreten lassen musste. Aber er nahm dies zum Anlass für eine parallele Vorab-Zeremonie und ein opulentes St. Georgenfest in Dresden in Anwesenheit des englischen Abgesandten Sir William Swan, wofür er auch die abgebildete Silber-Gedenkmünze in der Dresdner Münzstätte prägen ließ.

Wir geben zu, bei so einer Grand Tour – auf der wir den jungen Georg Wilhelm begleiten – können auch wir uns „verzetteln“. Aber der „Seitensprung“ an den Dresdner Hof sei erlaubt, denn 1678 (im Geburtsjahr von Georg Wilhelm) wiederholte der sächsische Kurfürst dieses Ordensbandfest am St. Georgstag, dem 23. April – selbstverständlich im Ordens-Habit. Und die opulenten Festivitäten in Anwesenheit des Königlich-Englischen Gesandten Wilhelm von Schwan dauerten diesmal sogar bis zum 4. Mai. Für diese Gelegenheit wurde auch die abgebildete Hosenband-Gedenkmünze als Kurant-Taler nachgeprägt und der Riesensaal des Residenzschlosses „königlich bekleidet“.

1671. Johann Georg II. in der Ordenstracht des Hosenbandordens
1693. Riesensaal im Residenzschloss Dresden & Zeremonie der Verleihung des Hosenbandordens, hier an Johann Georg IV. im Jahr 1693
(Johann Georg IV. ist der Enkel Johann Georgs II.)

Kurant-Taler von 1678 auf die Verleihung des Hosenbandordens und auf das St. Georgenfest von Kurfürst Johann Georg II (Silber, Durchmesser 49 mm, 23,36 g = identische Prägung wie der besondere Species-Reichstaler von 1671, aber 4 Gramm leichter. Beide Prägungen aus der Dresdner Münzstätte)

Da 1693, also kurz vor Georg Wilhelms Grand Tour, seine einzige (7 Jahre ältere) Schwester Christiane Eberhardine (1671-1727) den späteren sächsischen Kurfürst August den Starken heiratete, hatte der 15jährige damals schon beider „triumphalen Einzug in Dresden“ und ein solches Prunkfest im dortigen Residenzschloss miterleben dürfen. Auch seine Kavaliersreise, auf der er die Festkultur-Standards vieler Adelshöfe kennenlernen durfte, startete schließlich in Dresden. Daran wurde auch er als preußischer Hohenzollern-Markgraf später im „Promiflash-Vergleich“ der europäischen Reiseliteratur gemessen – wenn auch nicht von der Lokalbevölkerung. Der Maßstab im kleinen St. Georgen hing naturgemäß tiefer, konnte sich aber qualitativ durchaus sehen und hören lassen. Kurfürstin Eberhardine, die in Schloss Pretzsch ein reges kulturelles Leben pflegte, besuchte ihren Bruder relativ oft in Bayreuth, wo man sich austauschte und wo er ihr zu Ehren Opernabende gab – u.a. im eigenen Theater am See in St. Georgen.

St. Georgs-Oper im Ordenssaal des Ordensschlosses

1717 hatte Prinz Eugen von Savoyen in Belgrad die für lange Zeit letzte Türkenschlacht errungen. Noch 1721 lässt Georg Wilhelm zum St. Georgs- und somit seinem Namenstag am 23. April vor allen Ordensrittern eine orientalische „Amazonen-Oper“ im Großen Ordenssaal des Ordensschlosses am See von St. Georgen aufführen. Auf der Bühne wird dabei „ein imposanter Drachenkampf inszeniert“, der „schon damals – lange vor Siegfrieds Kampf auf der Bühne in Richard Wagners Festspielhaus …– eine besondere Attraktion für die Zuschauer gewesen sein dürfte.“ (H. J. Bauer: Barockoper in Bayreuth. 1982). Und der „mit Liebe und Tapferkeit siegende Held Demosthenes“ erhält dann auch die Königstochter zur Frau. Drachentöter-Patron St. Georg lässt grüßen, Erzengel Michael als „höhere geistige Instanz“ und Drachensieger ebenfalls, auch wenn er als „deutscher Michel“ viel von seinem Glanz eingebüßt hat.

Ein Jahr zuvor traten 1720 in der Oper „Die Liebe unter Feinden“ – zu Georg Wilhelms Geburtstag am 16. November und diesmal auf der Grande Theatro-Bühne im Alten Schloss Bayreuth – als Ballett auch „die vier Theile der Welt“ im Prolog (=Vorspann) paarweise auf. Afrikaner & Afrikanerin, Europäer & Europäerin . . . verkörperten die 4 Erdteile, eine Reminiszenz an Vater MG Christian Ernst als (Co-) „Türkensieger“, wie wir ihn vom Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss kennen. Denn dieser, jetzt endgültige Sieg von 1717, war von gesamteuropäischer Bedeutung und hatte (nicht nur für MG Georg Wilhelm) „Weltmaßstab“.

Abb. Da das Ordensschloss wegen unsicheren Baugrunds 1724/25 abgerissen und der Mitteltrakt neu errichtet werden musste, entsprach das Ambiente 1721 der Abbildung im Sonderkapitel zum Ordensschloss. Das Foto zeigt das Rote Adler-Deckengemälde von Gabriel Schreyer und den Stuck von Domenico Cadenazzi aus dem Neubau 1725-1727, wie man ihn (bei seltenen Gelegenheiten) heute noch im Gefängnistrakt des ehemaligen Ordensschlosses bewundern kann.   (Foto: Karla Fohrbeck)

Georgs-Feste & Schiffslust auf dem See – auch für die Bevölkerung

Markgraf Georg Wilhelm stiftete 1711 noch als Erbprinz (er ist jetzt 33 Jahre alt) – ein Jahr vor seinem offiziellen Regierungsantritt –
gleich 2 „Georgsfeste“, die in seiner Amtszeit Tradition wurden

  1. eines wird jeweils am 23. April gefeiert, dem St. Georgs- und daher Namenstag von Georg Wilhelm, zudem Einweihungstag der Sophien- bzw. Ordenskirche und Gründungstag für die Ordensritter-Gemeinschaft (ordre de la sincérité) und Anlass für den jährlichen Gedenk-Gottesdienst und ein Fest im großen Saal des Ordensschlosses. Da spielte der See allerdings keine so große „Event-Rolle“.
  2. eines als Gregoryfest, wie es in der Region jeweils am 15. Juni auch andernorts gefeiert wurde, dagegen mit volksnaher Kirchweih und „Seefest“ für die Bevölkerung. Es dauerte jeweils ein Wochenende von SA bis MO und Günter Kruse zitiert dazu als Höhepunkt: „Umsingen, Tanz vor dem Fürstlichen Schloße und Schiffahrt auf der See“, daran „nahmen 16 Mädchen und 25 Knaben von St. Georgen, NeuerWeg, Bayreuth, Johannis u. Laineck theil. Es wurden dieselben auf Befehl des Markgrafen mit Brod und Bier aus dem Hochfürstlichen Keller bewirthet. Zur Erhaltung der Musikanten auf 2 Tage zahlt jedes Kind 2 Kreuzer“ (in Norbert Aas, Hg. 2002, S.77)

Noch lange nicht Markgraf,    aber Generalfeldmarschall des Kaisers

1702, im Jahr der Gründung der Planstadt St. Georgen, war der Erbprinz den Sommer über im Feld. Bei der Belagerung der von den Franzosen besetzten Festung Landau in der Pfalz zog er sich eine schwere Schussverletzung nahe dem Herzen zu, an deren Folgen er zeitlebens zu tragen hatte. Der „Ernst des Lebens“ hatte also längst begonnen, Georg Wilhelm avancierte recht früh vom jungen Kaiserlichen Generalwachtmeister zum Kaiserlichen Generalfeldmarschall – ein Rang, den auch sein Vater innehatte und zwei seiner Ordensritter-Kollegen.

Bei der Grundsteinlegung zur Ordenskirche am 18. April 1705 unterzeichnet Erbprinz Georg Wilhelm – er ist jetzt 27 Jahre alt – auf der dicken zinnernen Platte eine entsprechende Dokumentation vor allem mit seinen militärischen Rängen. Sie lautet:

. . . hat diese Kirche
der Durchlauchtigste Fürst und Herr GEORG WILHELM Marggraf zu Brandenburg,
in Preußen Herzog Ihro Römisch-Kayserlich Majestät
wie auch des hochlöblichen Fränkischen Craises hochbestalter General-Feld-Marschall,
Lieutnant und Obrister über ein Kayserlich Regiment zu Fuß,
dann /über/ein Königlich-Polnisch und Chursächsisch Dragoner-,
auch /über/ ein Fränkisches Cuirassier-Regiment aufbauen lassen . . .

Es ist dasselbe Jahr, in dem er (am 17. November 1705) den Ordre de la sincérité, seinen (Haus-)Orden der Aufrichtigkeit, gründet.

Auch die jährliche Zusammenkunft der Ordensritter ab 1711 – am St. Georgstag (23. April) – diente anfangs einer Mischung von militärischen Bündnis- und Strategie-Gesprächen, Auszeichnungen und Rangbezeugungen, Paraden und Demonstrationen – und, natürlich, Geselligkeit, Festlichkeiten, Feuerwerk und Plaisir. Die teils zerstrittenen und konkurrierenden Adeligen der Region waren dem Markgrafen ja nicht untergeordnet. Achtung und Vertrauen, „Treu und Redlichkeit“, freundschaftliche und Friedensbeziehungen galt es in dieser „Wertegemeinschaft“ aufzubauen und zu pflegen. Außerdem wurden auch adlige und hohe Militärs „von weiter her asoziiert“.
Wie bei anderem Vereinsleben auch lassen solche Ideale mit der Zeit an Kraft etwas nach.

1708 ließ Georg Wilhelm, immer noch Erbprinz, am Rand seiner Planstadt eine vergleichsweise große Infanterie-Kaserne errichten, die später in der Brandenburger Straße auch um ein Lazarett ergänzt wurde.
Seine kleine „Schweizer Garde“ vor dem Ordensschloss war sein besonderer Stolz und . . .

. . . Kanonen-Böller & Kanonen-Rauch gehörten zu den See-Festivitäten

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Anonymer Kupferstich von 1710

Nur wenige See-Schlachten, aber viel See-Vergnügen –  Georg Wilhelms Neumachie-Flotte

Wenn also in den Quellen schon zu Georg Wilhelms Erbprinzen- und Markgrafenzeit von einer Naumachie-Flotte mit 6 (mit Kanonen bestückten) Schiffen und einer sternförmigen Schanz (einer künstlichen Insel-Festung im See) auf dem Brandenburger See die Rede ist, dann war das nur möglich, weil der junge Georg Wilhelm – wie wir inzwischen wissen – den einstigen Weyer hatte vertiefen und erweitern lassen (dürfen), um ihn schiffbar zu machen. Angeregt durch seine Grand Tour wollte er nun in kleinerem Maßstab ebenfalls „maritime Abenteuer“ und Seevergnügen inszenieren, wie sie auch an anderen Fürstenhöfen – ohne Zugang zum Meer – damals Mode waren, wobei die ersten Schiffe eher großen Kähnen glichen und recht untauglich waren. Aber es galt auch ein „stehendes Heer“ zu trainieren, das im friedlichen St. Georgen – weit weg von allen europäischen Kriegsschauplätzen – „wie ein Fremdkörper“ wirkte.

Eine solche „Kriegswindel-Geschichte“ aus Georg Wilhelms Jugend wird besonders gern erzählt. Denn wie „Kriegsspielerei“ kam es den Leuten vor, wenn der junge Erbprinz mit 2000 Soldaten incl. freiwillig-unfreiwilliger Bürgerwehr und Reservisten am Brandenburger Weyer ein mehrtägiges Manöver betrieb. Ein Oberstleutnant musste besagte Schanz „für den Ernstfall“ verteidigen. Aber obwohl „nur“ mit hölzernen Granaten „gegen die Türken“ gekämpft und mit hölzernen Säbeln gefochten wurde, aus Spiel wurde Ernst, harte Verwundungen blieben nicht aus und 2 Soldaten starben daran.

Erst als erfahrene Schiffbauer aus Wertheim und Handwerksmeister aus der Region die Zimmermannsarbeit übernahmen, entstanden vorzeigbare und „kriegstüchtige“ Schiffe mit Kanonen und luxuriös ausgestattetem Inneren, die von Matrosen gesteuert wurden. Auch diente die prächtige Seeflotte mehr und mehr zu Vergnügungsanlässen – für den Hof, für diplomatische Gäste, und gelegentlich auch für die Bevölkerung.  Als „Kriegsflotte“ nur noch „theatralisch“ – wenn sich nämlich die Bühnenrückwand des Theaters bzw. Opernhauses am See zum See hin öffnete und die Freilicht-Kulisse solche Spiel-Szenen ermöglichte. Ausführlich dazu im Kapitel Schiffs-Flotte & Matrosen(gasse).

Abbildung: Kriegsspielerei kurz vor dem 1. Weltkrieg

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Die Soldaten wurden „zu Lande trainiert“. So bewundert Carl Ludwig von Pöllnitz (1692-1775), der als Europa-Reisender 1723 auch Georg Wilhelm besuchte (inzwischen seit 1712 Markgraf), diesen bei einer Exkursion nach Himmelkron, denn „Der Markgraf ließ sich allda 2000 Mann von seinen Truppen lagern, die durchgehends wohl bestellt sind, und deren Kriegs-Zucht mir ungemein gut vorkam. Ihre Offiziere sind insgesamt Leute von guten Eigenschafften und sehen wohl aus.“ (zitiert bei Ingo Toussaint: Reisen nach Bayreuth. 1994).

Reif für die Schatzinsel – War Markgraf Georg Wilhelm „leicht verrückt“?

Man sollte es (nicht) glauben, die Faszination für Seeabenteuer und Piraten beschäftigte nicht nur Adelshöfe und Opernstoffe im 17. und 18. Jh. „Wie oben, so unten“ heißt es. Die einen machen es vor, die anderen nach. Auch unsere „Volkskultur“ in Jugendbuch, Abenteuerroman, Film und Video-Strategiespielen lässt sich darauf ein – „Vergnügungs- wie Wirtschaftsfaktor“ in beiden Epochen. Bei Karikaturist Matthias Ose begegnen sich daher „als Kollegen“ der angeblich leicht verrückte (nach Liselotte von der Pfalz) Markgraf Georg Wilhelm und der berühmte Schriftsteller Robert Louis Stevenson (1850-1894, Autor von „Die Schatzinsel 1881/82) vor dessen „Schatzinsel“ in Sankt Georgen.

„Verrückt“ meinte angeblich Liselotte von der Pfalz (1652/1671-1722), die am Versailler Hof, ihres Schwagers Sonnenkönig Louis XIV lebte, in einem ihrer unzähligen Briefe mit „Promi-Klatsch“ an die europäische Verwandtschaft über das Opern- und Fest-begeisterte Ehepaar MG Georg Wilhelm & Sophie von Sachsen-Weißenfels. Selber war sie allerdings nie in Bayreuth. Sie war in Paris mit dem einzigen Bruder von Louis XIV, Philippe I von Orléans. Fake news jedoch halten sich . . . Aber wie wir allein schon aufgrund des höfischen Vergleichsmaterials auf der Grand Tour wissen, verrückter als andere – und verrückter als wir heute – waren die Beiden auch nicht. Sie förderten die deutsche Oper, als andernorts noch Italienische Arien und Französische Komödien en vogue waren. Und wir verdanken MG Georg Wilhelm immerhin die Eremitage mit dem Alten Schloss und seinen Wasserspielen in der Grotte, St. Georgen und einiges mehr bis heute.

Die Schatzinsel (englischer Originaltitel Treasure Island) ist neben Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde der bekannteste Roman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson. Er erzählt von der hindernisreichen Suche nach einem versteckten Piratenschatz – einem beliebten Thema solcher Abenteuerromane. Dieser Bestseller-Roman von 1883 begeistert heute noch Millionen und die Unterhaltungs-, Jugend- und Abenteuerbranche verschlingt sie auch. Über 20-mal wurde der Roman verfilmt und gestreamt.
Und die Reality-Kultur von milliardenteuren Yachten und Luxus-Kreuzschiffen und „Naumachien“ heute ? – kein Vergleich!

Ein Klick auf die Bilder vergrößert diese.

Markgraf Georg Wilhelm & Louis Stevenson
in St. Georgen am See (m.ose)

Naumachie von Kaiser Domitian (51-81/96)

Anonymer Kupferstich von 1806
Hier im Handel: www.buchprojekt1.de

Abenteuer Naumachie von 1883

. . . heute noch aktuell
& multimedial

Städteaufbau-Spiel des Jahres 2026

Inzwischen auch digital
und als Naumachie

Naumachien als Kriegs- und „Vergnügungs“-Seespiele seit der Antike

Inszenierte Seeschlachten zu Lande (= Naumachien) waren in der Antike technisch sehr aufwendig und grausam und erforderten Tausende von Kriegsgefangenen, Gladiatoren, Sklaven, Sträflingen, zum Tod Verurteilte oder Christen als Opfer –dienten der Verherrlichung von Cäsar (der 46 v. Chr. in Rom damit begann), Nero und anderen Imperatoren und galten – schlimm genug – als „absolute Höhepunkte im Unterhaltungsprogramm Roms“.

In der Renaissance und im Barock wurden die Naumachien (ohne derlei Exzesse) „zur Belustigung der höfischen Gesellschaft“ wiederbelebt. Am Starnberger See ergänzten die bayerischen Königseltern zur Geburt ihres Thronfolgers Max Emanuel ihre Schiffsflotte mit einem besonders prächtigen Exemplar, dem Bucentaurus. Am Hof von August dem Starken konnte Georg Wilhelm eine solche „künstlich-maritime Kulisse“ um den Leuchtturm Moritzburg herum (nahe Dresden) kennenlernen. Zar Peter der Große liebte dergleichen in Petersburg und auch in Paris und einigen italienischen Fürstentümern gehörte dergleichen zum hofkulturellen Unterhaltungsprogramm.

Heute könnten auch „Schlachten“ mit ferngesteuerten Modellschiffen zu den Naumachien gezählt werden.

Ein schönes 5-Minuten-G’schichtla zu den legendären Seeschlachten in St. Georgen liefert uns Dr. Adrian Rossner in der ARD Mediathek.
Zum Bucentaurus am Starnberger See finden Sie den Blog Artikel des BSV von Dr. Christian Quaeitzsch hier unter: schloesserblog.bayern.de
Mehr dazu auch bei Wikipedia.

Text: Dr. Karla Fohrbeck

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT